Manfred Albersmann

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Im Jahre 1900 hatte Lobberich (nach Finken) 7.804 Einwohner. Ludwig Hegger, geb. am 24.10.1825 zu St. Tönis, 1851 Priesterweihe in Münster, 1852-1854 Kaplan in Hamborn, 1854-1856 in Dülken, 1856-1857 in Kevelaer, 1857-1867 Direktor der Erziehungsanstalt in „Haus Gall“ bei Gescher , war immer noch (seit 1867) Pfarrer in  Lobberich, der erst im Jahre 1907 von Pfarrer Heinrich Boers abgelöst wurde. Louis Bender war immer noch Bürgermeister von Lobberich.

                                     
                                          Bürgermeister Louis Bender
                                                     (1886 - 1902)

Louis Bender, Ritter des eisernen Kreuzes und des Roten Adlerordens 4. Kl., ist gebürtig aus Düsseldorf, machte als Offizier bei der 4. schweren Fußbatterie des Rhein. FeldArtRgts. Nr. 8 den Feldzug gegen Frankreich mit und erwarb sich das eiserne Kreuz. Darauf widmete er sich in Steele (heute Essen-Steele) der Verwaltungskunde, wurde am 8. Mai 1877 Bürgermeister von Brüggen und Bracht, und am 30. Dezember 1886 Bürgermeister von Lobberich und Boisheim. Nach 25jähriger Amtstätigkeit zwingt ihn ein rheumatisches Leiden am 1. Juni 1902 in den Ruhestand zu treten. Bei dieser Gelegenheit wurde ihm der "Rote Adlerorden" verliehen. Zu seinem Nachfolger erwählt man Max Heckmann, Oberleutnant a.D., seit 7 Jahren Bürgermeister von Issum (Kreis Geldern), der am 30. Mai 1902 zum Bürgermeister von Lobberich ernannt wird.

1902 schlug die Geburtsstunde für den Lobbericher Sportclub. Der Fußballsport hatte seine ersten Gehversuche unternommen und viele Interessenten in seinen Bann gezogen. Es wurde eine Spielgemeinschaft unter dem Namen "Fußballclub Preußen 1902" gegründet, die auf der frühereren Reitbahn neben dem Sportplatzgelände an der Wevelinghover Straße (heute steht dort die Dreifachturnhalle) Fußball spielten. 1. Vorsitzende des neuen Vereins wurde Otto von Borgh.


   
            Obere Breyeller Straße um 1910                            Der Lobbericher Bahnhof um 1910

Im Jahre 1902 gab es Lobberich im außerschulischen Freizeitbereich viele Möglichkeiten der Beschäftigung. Neben dem Turnverein von 1861, der Turnen, Leichtathletik, Handball, Basketball und Tanz anbietet, wird beim benachbarten Lobbericher Sportclub von 1902 (damals noch: Fußballclub Preußen 1902) allein sechs Altersstufen, auf denen Jugendfußball betrieben wird. Wer es möchte, konnte beim selbständigen Tennisverein Grün-Weiß Lobberich Tennis spielen oder schloss sich der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft für Schwimmer an. Es gab darüber hinaus einen Verein für Kampfsport auf der Matte (Judo und Akido). Dieses bunte Bild ließe sich noch erweitern, wenn man die Möglichkeiten für die Erwachsenenwelt hinzunähme: Laienspielgruppen wie der Theaterverein Thalia, der Paramenten-Verein und der Gesellenverein, Gesangvereine und Musikvereinen und nicht zu vergessen die diversen Schützenvereine.

Im November 1905 gründete der Lehrer Jodocus Schaaf den St.-Martinsverein in Lobberich.

Der Kirchenvorstand der kath. Kirchengemeinde beschäftigte sich seit einiger Zeit intensiv mit der Anschaffung einer neuen Orgel, die die alte, von Orgelbauer Tibus aus Rheinberg aufgestellte Orgel, "ablösen" sollte. Dabei war die Finanzierung das wohl größte Problem. Am 27. Februar 1907 beschloss der Kirchenvorstand, die Orgelbaufirma Johannes Klais aus Bonn mit dem Bau einer Orgel für St. Sebastian zu beauftragen. Die Firma hatte vorab einen Kostenvoranschlag mit ausführlicher Dispositionsabgabe, die Bedingungen zum Neubau einer Orgel sowie genauesten Angaben über Koppeln, Stimmung, Beschaffenheit der Holz- und Metallpfeifen, der Windversorgung, der Klaviaturen, der Anlage des Gebläses und der Nebenkosten eingereicht. Die Gesamtkosten sollten danach 21.340 Mark betragen. Großzügige Spenden der Pfarrangehörigen sowie die Aufnahme einiger Kredite versetzte die Pfarrgemeinde in die Lage, die Kosten zu tragen.

Um die Jahrhundertwende, als die Firma Niedieck mit etwa 1500 Arbeitern und Angestellten und einem Jahresumsatz von fünf Millionen Mark einen vorläufigen Höhepunkt ihrer unternehmerischen Entwicklung erreicht hatte, wurde der Industriezweig als solcher von Erschütterungen erfasst, die mehr weltwirtschaftlich bedingt waren und mit denen die Lobbericher Unternehmen wie Niedieck, de Ball u. a. mit Unterbrechungen und bei vorübergehender Besserung bis zum zweiten Weltkrieg zu kämpfen hatte.

       
                   Die Firma Niedieck an der oberen Breyeller Straße um 1905

Ursache der im Laufe der Jahrzehnte mehr oder weniger stark auswuchernden Krise, in deren Verlauf nicht nur die Unternehmergewinne, sondern auch die Beschäftigtenzahlen merklich zurückgingen, war die Anhebung der Importzölle in den Ländern, deren Bedarf in zunehmenden Maße auch von der dort heimischen Textilindustrie gedeckt wurde: Frankreich, die USA und nach dem Ersten Weltkrieg auch England. Hinzu kamen – abgesehen von den einschneidenden Produktionsunterbrechungen während des Ersten Weltkrieges – Wechselkursschwierigkeiten, wie sie sich nach 1918 etwa mit Frankreich ergaben. Infolge solcher oder ähnlicher Probleme kamen in den zwanziger Jahren auch die Handelsbeziehungen zu Italien, Spanien, der Tschechoslowakei, Polen und Russland fast ganz zum Erliegen. Dohms vermutet daraus, dass eine Konzentration (Lobbericher Konzentration) der Textilbranche
folgen musste: So schloss sich 1924 die Firma Niedieck der Oedter Firmengruppe Girmes an; deren inzwischen ältestes Unternehmen, die Lobbericher Firma de Ball, suchte 1927/28 ebenfalls den Anschluss an Girmes. Damit waren die beiden größten Unternehmen Lobberichs in die damalige Aktiengesellschaft der Girmes-Werke eingebunden. Die Lobbericher Firmen Niedieck AG gehörte neben den Grefrather Aktiengesellschaften Joh. Girmes und Co. Und Grefrath Velour zu den drei bedeutendsten Unternehmen dieses Konzerns.

1902 wurde die Jacquard-Samtweberei J. Bürhaus & Co. durch Ankauf in die Firma J. L. de Ball eingegliedert.

Eine im Hinblick auf Krisenfestigkeit und Beschäftigungslage willkommene Ergänzung erfuhr die „auf das Wohl und Wehe eines Werkes“ angewiesene Lobbericher Industrie im Bereich der Metallbranche, als 1927 die seit 1913 bestehende Firma Robert Kahrmann ihren Standort nach Lobberich verlegte.

Die Firma Robert Kahrmann wurde 1914 als "Robert Kahrmann & Co." gegründet und in Düsseldorf ins Handelsregister eingetragen. Der Balte Robert Kahrmann, am 21. Mai 1887 in Libau geboren, siedelte bereits vor der Jahrhundertwende ins Ruhrgebiet nach Essen. Nachdem er 1914 seine Einzelhandelsfirma gegründet hatte, war er zunächst als freier Handelsvertreter für Metallwaren der Hedwighütte Stettin unterwegs. Zum Fabrikanten wurde er Mitte der zwanziger Jahre, als er in Venlo (Holland) einen kleinen Betrieb für Kokillenguss aufbaute. Nach einem Zwischenaufenthalt im Westerwald wohnte die Familie (drei Töchter: Ilse, Ursula, Helga) auf einem Gut bei Arcen (Holland).

Die Familie Kahrmann hatte im Jahre 1927 das Haus Erlenbruch, das unmittelbar an den Ingenhovenpark in der Lobbericher Ortsmitte grenzt, mit der Familie Niedieck gegen das Gut in Arcen getauscht. Wie es zum Kontakt zur Familie Niedieck kam, ist nicht bekannt, jedoch kann man den Immobilientausch und den Eintrag ins Handelsregister im Jahr 1927 als die Geburtsstunde der späteren Firma ROKAL in Lobberich ansehen. Die Produktion von Druckguss- und Stanzteilen sowie Armaturen begann recht bescheiden in den früheren Ställen und Remisen des Hauses Erlenbruch in der damaligen Bruchstraße 12. Die kaufmännische Verwaltung befand sich damals im Obergeschoss der Gießerei. Sie bestand neben Robert Kahrmann nur aus einer Handvoll Mitarbeitern. In den 1930er Jahren wurde die Fertigung kontinuierlich ausgebaut und neu gegliedert.

Zusammen mit dem niederländischen Baron Max de Weichs de Wenne betrieb Robert Kahrmann am St. Urbanusweg in Venlo die NV Metallwaarenfabriek. Die NV Metallwaarenfabriek in Venlo und der Betrieb in Lobberich bestanden zeitgleich. Darum wechselte Robert Kahrmann in dieser Zeit fast täglich über die Grenze. Helga Grodde geb. Kahrmann verwitwete Heymanns erinnerte sich: Mein Vater arbeitete morgens in Venlo und nachmittags in Lobberich. Die grenzübergreifenden Geschäftsbeziehungen dürften bis Ende der 1930er Jahre bestanden haben.

Zur Silberhochzeit 1937 erhielten Robert Kahrmann und seine Gattin Berna von der niederländischen Belegschaft einen Kerzenleuchter mit der Inschrift: Von Ihrer Gefolgschaft der NV Venlo 28.11.37

Die Kontakte ins benachbarte Holland nutze Robert Kahrmann aber auch auf andere Weise. Er hatte gute Verbindungen zum Amt Ausland/Abwehr des deutschen Oberkommandos der Wehrmacht. Vor dem deutschen Einfall in die Niederlande nahm er V-Leute der deutschen Abwehr mit nach Venlo oder von Venlo nach Deutschland (im Winter 1939/40 wurde er deshalb in Roermond inhaftiert). Während des Krieges befand sich in Lobberich im Haus Erlenbruch der von seinem Schwiegersohn Hans Heymanns geleitete "Meldekopf Kaldenkirchen" des Amtes Ausland/Abwehr des Oberkommandos der Wehrmacht.

Der Abwehr-Meldekopf Kaldenkirchen war eine Anlaufstelle der Abteilung I des Amtes Ausland/Abwehr im OKW. Der Meldekopf Kaldenkirchen war organisatorisch der Abwehrnebenstelle Köln unterstellt, die ihrerseits der Abwehrstelle Münster unterstand. Die Abwehrstelle Münster berichtete unmittelbar dem Amt Ausland in Berlin (Leiter: Admiral Wilhelm Canaris). Der so genannte Meldekopf Kaldenkirchen befand sich in Wirklichkeit im Haus Erlenbruch in Lobberich, wo die Familie Kahrmann vor Beginn des zweiten Weltkrieges wohnte. Nach Aussage von Frau Grodde gab es in dem Haus ein Büro und Telefonleitungen. Zollinspektor Hans Heymanns war der Abwehr unterstellt, zumindest in der Zeit vor dem Einmarsch in Holland, obwohl er eigentlich zum Zoll gehörte. Frau Grodde nahm oft Telefonate für ihren Mann entgegen und war auch bei verschiedenen Besprechungen dabei. Wiederum nach Aussagen von Frau Grodde gehörte zu Meldekopf ein großes Netz von V-Leuten. Das waren perfekt niederländisch sprechende Deutsche und auch Niederländer. Erinnerlich ist ihr ein Mann aus Niederkrüchten-Laar, der direkt an der Straße von Heyen nach Dülken wohnte. Die V-Leute wechselten ständig über die Grenze und zurück. Fortwährend kamen auch V-Leute zum Meldekopf um Informationen zu liefern. Für ihre Berichte bekamen die V-Leute Geld. Insbesondere die Niederländer haben sicherlich nicht aus reiner Freundschaft für die deutsche Abwehr gearbeitet.

Ende der 1930er Jahre bot die Firma „Robert Kahrmann & Co.“ bereits ein komplettes und umfangreiches Programm für Gas- und Sanitäramaturen an. Die Fertigung erfolgte komplett im Haus, angefangen vom Kokillenguss über die Montage, der Endkontrolle bis zur Verpackung. Die Produkte wurde damals unter dem Namen ROKA für RObert KAhrmann vertrieben. Diese Bezeichnung hat sich jedoch nicht durchgesetzt und ist bis heute weitgehend unbekannt.

Dass eine Endkontrolle der Produkte zur damaligen Zeit anscheinend nicht selbstverständlich war, wird anhand der ersten Seite aus dem Katalog aus dem Jahr 1937 ersichtlich. Hier steht: Alle Armaturen, welche dem Wasser- oder Gasdruck unterliegen, werden auf dem Prüfstand auf Brauchbarkeit genaustens untersucht.  Für die Qualität seiner Produkte bürgte Robert Kahrmann mit seinem Namen, da er die Kataloge handsignierte. Bereits im Jahr 1937 wurde der typische ROKAL-Gießer im ovalen Firmenlogo verwendet. Das ROKAL-Emblem zeigt zwei Arbeiter beim Gießvorgang sowie die Initialen R K. Noch heute befindet sich dieses Logo an der Wand einer Werkshalle an der Robert-Kahrmann-Straße. Während des zweiten Weltkriegs wurde die Firma in die Produktion kriegswichtiger Güter einbezogen. Allerdings gibt es nur wenige Dokumente aus dieser Zeit, da alles streng geheim war und nach dem Krieg fast alle Unterlagen vernichtet wurden. Gesichert ist, dass Zünder oder Zündergehäuse aus Druckguss und Stanzteile gefertigt wurden. Die Stammbelegschaft bestand aus etwa 20 Personen. Hinzu kamen nochmals 20 Zwangsarbeiter aus Russland und Polen, die in eigens gebauten Baracken untergebracht waren. Diese dienten noch Jahre nach dem Krieg als technisches Büro, Kantine und Krankenstube.



    
             Obere Breyeller Straße Richtung Ortskern             Untere Breyeller Straße Richtung Ortskern

Im Jahre 1908 erfolgte die Gründung der Rauchervereins „et Tutteltje“.

„Der heiße und trockene Sommer 1911 hatte auch im Kreis Kempen zu einer Missernte geführt. Während die Weizen-, Roggen-, Gerste- und Haferernte etwas besser ausfiel als 1910, ging die Kartoffelernte um ein Viertel zurück und die Zuckerrübenernte um 40%. Die Heu- und Futtermittelernte war katastrophal. Der Markt reagierte mit einer erheblichen Verteuerung der Grundnahrungsmittel." (Rhein und Maas)

Das Jahr 1911 ist überschattet vom Tod des langjährigen Bürgermeisters Louis Bender (1886-1902). Bender, der u. a. maßgeblich am Bau des Lobbericher Wasserwerkes beteiligt war, verstarb am 1.4.1911. Im gleichen Jahr beschloss der Gemeinderat einstimmig, das Marienhospital, das im Jahre 1885 erbaut wurde, umzubauen und zu erweitern. Die Anfertigung der Pläne wurde dem Kreisbaumeister Ledschor aus Kempen übertragen. Ebenfalls im Jahre 1911 wurde an der Ecke Eremiten-/Alleestraße ein Spritzenhaus für die Freiwillige Feuerwehr gebaut. Die Stromversorgung Lobberichs übernahm nach langen, schwierigen Verhandlungen im Jahre 1913 die RWE.

 
                     Hochstraße um 1915                                                      Markt um 1915

Am 31. Juli 1914 wurde für ganz Deutschland der Kriegszustand erklärt. Am Tage darauf, am 1.8.1914 folgte der Mobilmachungsbefehl. Gegen 6 Uhr erreichte der Mobilmachungsbefehl auch Lobberich. Der Bezirk des VIII. Armeekorps (Ursprünglich am 21. Juni 1815 als Generalkommando im Großherzogtum Niederrhein gebildet, erfolgte am 3. April 1820 die Etaisierung als VIII. Armee-Korps. Das Hauptquartier war in Koblenz und das Korps unterstand zu Beginn des Ersten Weltkriegs der V. Armee-Inspektion. Während des Ersten Weltkriegs war das Korps an der Westfront eingesetzt.) wurde „in Kriegszustand erklärt“. Das bedeutete auch, dass alle Fremden, die über den Zweck ihres Aufenthalts sich nicht ausweisen konnten, innerhalb von 24 Stunden den Bezirk zu verlassen hatten.

 Im  Eisernen Buch der Gemeinde Lobberich“ ist zu lesen: „Erleichtert atmete mit allen Deutschen auch Lobberichs Bürgerschaft nach der unnatürlichen Spannung, die in den letzten Wochen die Gemüter beherrschte, auf. Bei der Durchfahrt von Militärautos kam es zu begeisterten Kundgebungen. Aber kein übermütiger Jubel lag in dieser großen Begeisterung. Die alten Leute, die den 1870er Krieg erlebt hatten, wußten zu genau, was Kriegsnot heißt und der Ernst der augenblicklichen Lage erfüllte Straßen und Haus. Doch konnte er die hohe Begeisterung nicht aufhalten, die sich in Hochrufen auf Kaiser und Reich und in vaterländischen Liedern auf Straßen und Plätzen, in Häusern und Wirtschaften kund tat. Die Nach wurde zum Tage, keiner dachte an Ruhe. Jede Stunde schien den Angehörigen, Freunden und Nachbarn der Kriegspflichtigen kostbar, sie für eine vielleicht recht lange Trennungszeit mit den letzten Beweisen der Liebe und Treue zu überhäufen, und die nötigen Vorkehrungen für die alsbaldige Einstellung zu treffen. Zwietracht und Hader verschwanden. Alle Lobbericher waren ganze Deutsche und als solche ein Gedanke und eine Seele, ein Herz und ein Wille. Daß es sich um Leben oder Vernichtung handelte, wußten in dieser Stunde auch Lobberichs Bürger. Das Vaterland rief und alle waren bereit. Sie sagten sich: „Sollen Deutschland und Oesterreich in Trümmer gehen?“ Nein, Recht und Gerechtigkeit sollen weiterbestehen auf Erden“.
 

Bereits am 2. August 1914 mussten sich die Lobbericher Kriegsverpflichteten beim Bezirkskommando in Rheydt stellen. In den ersten Tagen des Krieges gab es die tollsten Gerüchte“, die in dem kleinen Ort umherschwirrten. Man sprach viel von Spionen und russischen Goldautos, die dazu dienen sollten, große Goldmengen von Frankreich nach Russland zu transportieren. Tatsächlich gesehen hat sie jedoch niemand. Als man nachher nicht mehr an die Goldautos glauben wollte, waren es Radfahrer, die auf ihren Rädern das Gold transportieren sollten. Letztlich wurden die Gerüchte jedoch „von oben“ gestreut, um die Bürgerschaft zu ermuntern, fremde durchfahrende Autos strenger zu beobachten.  Eines Tages hieß es, dass die Franzosen in Holland durchgebrochen seien und bereits vor Brüggen ständen. Die Feuerwehr Lobberichs wurde alarmiert und bewaffnet. Jeder hatte seinen Posten, um die Dorfeingänge zu verteidigen. Auf dem Marktplatz wurde das Pflaster aufgerissen und eine starke Barrikade errichtet. Das Gerücht klärte sich später auf, die Franzosen standen nicht vor Brüggen, sondern vor Brügge in Belgien.

Große Aufregung in der Lobbericher Bevölkerung entstand, als englische Flieger Lobberich überflogen, um die Zeppelinhalle in Düsseldorf mit Bomben zu bewerfen. 

Der Verlag der „Rhein und Maas“ schloss mit dem „Wollf’schen Depeschenbüro Berlin“ einen Vertrag über die Lieferung der Tagesberichte der obersten Heeresleitung, Sonderberichte und Depeschenbriefe ab. Der Verlag war hierdurch in der Lage, die amtlichen Berichte des deutschen Hauptquartiers früher als die Tageszeitungen zu veröffentlichen. Vor dem Aushang des Verlages versammelten sich täglich hunderte Menschen, die ungeduldig auf den Eingang von Telegrammen warteten. Der Andrang am „Depeschenaushang“ war zeitweise so stark, dass der Verlag sich genötigt sah, das ihr von der Firma Lobbericher Tapetenhaus zur Verfügung gestellte Schaufenster mit zu benutzen.

Bereits im ersten Kriegsmonat beschloss der Gemeinderat die Einrichtung einer "Kriegsunterstützungskommission", ein Ausschuss bestehend aus 12 Lobbericher Bürgern, der Fürsorgeansprüche, die seitens der Gemeinde den durch Kriegseinwirkungen ärmeren Familien bewilligt wurden, prüfen musste. Im November 1914 wurde von der Gemeinde Vorsorge für die Einkellerung von Speisekartoffeln getroffen. Die Kartoffeln wurden von einer Reihe von Lobbericher Landwirten zum Preise von 3,50 Mark für 100 Pfund der Gemeinde zur Verfügung gestellt, die diese dann den Bedürftigen von 3 Mark überließen. Die Firma Niedieck kaufte ebenfalls 160.000 Pfund Kartoffeln, die sie an ihre Arbeiter 1 Mark unter Selbstkostenpreis pro Zentner abgab.

Auf Anregung der vorgenannten Kommission stellten die Lobbericher Landwirte für die Linderung der Not der Gemeinde Lebensmittel unentgeltlich zur Verfügung. Dadurch erhielt die Gemeinde Kartoffeln, Möhren, Rüben, Mehl, Getreide usw. Der Unternehmer Karl Niedieck ließ im Januar 1915 für seine Arbeiter 10.000 Pfund holländische Möhren kommen, die er, wie bereits bei den Kartoffeln, weit unter dem Selbstkostenpreis abgab.

Im Oktober 1915 wurden der Gemeinde von der zuständigen Reichsstelle als außerordentliche Zuweisung eine größere Menge holländischem Käse, Schmalz, Speck und weiße Bohnen zur Verfügung gestellt, die an die Bevölkerung zu mäßigen Preisen abgegeben wurde. Auch verkaufte die Gemeinde in der Markthallte (heutiges Spritzenhaus) Heringe.

Kaum hatte der Krieg begonnen, begann auch die "Kriegshilfe" - Hilfeleistung in Geld- und Sachspenden durch die Bürgerschaft. So richtete der Verlag "Rhein und Maas" eine Sammelstelle ein. Alle ortsansässigen Vereine riefen zu Sach-, Lebensmittel- und/oder Geldspenden auf. In der Zeit vom 18. - 24. Januar 1915 fand in ganz Deutschland eine "Reichswollwoche" statt.

                              
                                           Flugblatt des DRK

Ihr Zweck bestand darin, für die Truppen und für die ärmere Bevölkerung Kleidungsstücke zu sammeln. Mehrere Eisenbahnwagen voll alter Wollsachen wurden in dieser Zeit vornehmlich von Lobbericher Schulkindern in Lobberich eingesammelt. Die Sachen wurden im Krankenhaus desinfiziert und gereinigt und vom Bongartzstift aufbereitet. Mehrere Karren Kupfer und Messing lagerten im Februar 1915 vor dem Spritzenhaus an der Alleestraße (heute: Düsseldorfer Straße) . Die Katholische Pfarrgemeinde musste im Juni 1917 ihr komplettes Geläute abgeben.

Nach einer Anordnung des stellvertretenden Generalkommandos des VIII. Armeekorps von August 1918 durften im Kreise Kempen Feldpostbriefe nur offen ausgeliefert werden, Feldpostpäckchen durften außer Rechnungen und Preisverzeichnisse Mitteilungen nicht enthalten. Briefe aus den Kriegsschauplätzen, Geschäfts- und Privatbriefe, die für die Bevölkerung im Grenzstreifen bestimmt waren, wurden vor der Auslieferung an die Empfänger der amtlichen Briefkontrolle in Krefeld zugesandt, dort geprüft und dann erst dem Empfänger ausgehändigt. Bahnhöfe durften nur von Personen betreten werden, die sich mit einem deutschen Legitimationspapier ausweisen konnten. Feldwege durften nur noch tagsüber  von den Grundstückseigentümern betreten oder befahren werden, deren Grundstücke über diese Wege erreichbar waren.

Die anfängliche Begeisterung der Bevölkerung für den Krieg und ein großer Patriotismus veranlassten das Reichsbankdiretorium zu folgender Bekanntmachung an:

 „5%ige Reichsschatzanweisungen, 5%ige Deutsche Reichsanleihe, unkündbar bis 1. Oktober 1924 (Kriegsanleihe)“

Zur Bestreitung der durch den Krieg erwachsenen Ausgaben werden 5prozentige Reichsschatzanweisungen und 5prozentige Schuldverschreibungen der Reichsanleihe hiermit zur öffentlichen Zeichnung aufgelegt. Zeichnungen werden bis einschließlich Sonnabend, den 19. September, mittags 1 Uhr, entgegengenommen. Die Schatzanweisungen werden in Höhe von 1.000.000.000.000 Mark (1 Billion Mark)
Berlin, im September 1914



 Am 12. September 1914 erschien in der Lobbericher Zeitung
"Rhein und Maas" der Aufruf:

                               ZEICHNET DIE KRIEGSANLEIHEN!

So heißt es in dem Aufruf u.a.: „Wir stehen allein gegen eine Welt der Waffen. Vom neutralen Ausland ist nennenswerte finanzielle Hilfe nicht zu erwarten; auch für die Geldbeschaffung sind wir auf die eigene Kraft angewiesen! Diese Kraft ist vorhanden und wird sich bestätigen, wie draußen vor dem  Feinde, so in den Grenzen des deutschen Vaterlandes jetzt, wo es gilt ihm die Mittel zu schaffen, deren es für den Kampf um seine Existenz und seine Weltgeltung bedarf“ oder „Deutsche Kapitalisten! Zeigt, daß ihr vom gleichen Geiste beseelt seid, wie unsere Helden die in der Schlacht ihr Herzblut verspritzen! Deutsche Sparer! Zeigt, daß ihr nicht nur für Euch, sondern auch für das Vaterland gespart habt! Deutsche Korporationen, Anstalten, Sparkassen, Institute, Gesellschaften, die Ihr unter dem mächtigen Schutze des Reiches erblüht und gewachsen seid! ………..

                             


Dass dieser Aufruf verbunden war mit einer gehörigen Portion „Propaganda“, versteht sich von selbst. Kriegsanleihen wurden meist von umfangreicher
Propaganda begleitet, um auf diese Weise die Heimatfront direkt zur Unterstützung des Krieges zu gewinnen. Um möglichst viele Anleger zu finden, wurde meist an deren Patriotismus mit dem Argument appelliert, dass der Absatz der Anleihe eine kriegsentscheidende Bedeutung habe. Kapitalgeber spekulierten auch auf die Zinsen, die der Staat bei einem Sieg durch Reparationszahlungen finanzieren wollte. Im Falle eines verlorenen Krieges - aber auch im Falle eines gewonnenen Krieges - bestand die Gefahr, dass die Anleihe nicht zurückgezahlt wurde. Das angelegte Kapital würde dann verloren gehen.


 

Es wurden gezeichnet:

 

Auf die erste Kriegsanleihe im September 1914

Gemeindesparkasse Lobberich

200.000 Mark

Von privater Seite

50.000 Mark

Katholische Kirchengemeinde

30.000 Mark

Betriebskrankenkasse der Firma Niedieck & Co

20.000 Mark

Betriebskrankenkasse der Firma J.L. de Ball

5.000 Mark

Summe

305.000 Mark

Auf die zweite Kriegsanleihe im März 1915

Gemeindesparkasse Lobberich

100.000 Mark

Sparer derselben (unter diesen 50.000 Mark

212.000 Mark

aus dem Nachlasse Bongartz)

 

Katholische Kirchengemeinde

30.000 Mark

Katholischer Gesellenverein

5.000 Mark

Betriebskrankenkasse der Firma J.L. de Ball

5.000 Mark

AOK f. Lobberich, Breyell und Boisheim

5.000 Mark

Postamt Lobberich

7.100 Mark

Lobbericher Spar- und Darlehnskassen-Verein

51.900 Mark

Summe

416.000 Mark

Auf die dritte Kriegsanleihe im Oktober 1915

Gemeindesparkasse Lobberich

656.000 Mark

Sparer derselben

200.000 Mark

Sparkasse des katholischen Gesellenvereins

5.000 Mark

Postamt Lobberich

12.500 Mark

Lobbericher Spar- und Darlehnskassen-Verein

61.600 Mark

Summe

935.100 Mark

Auf die vierte Kriegsanleihe im März 1916

Gemeindesparkasse Lobberich (Unter diesen

200.000 Mark

24.463 Mark von Schulkindern)

 

Katholische Kirchengemeinde

10.000 Mark

AOK f. Lobberich, Breyell und Boisheim

10.000 Mark

Christl. Textilarbeiterverband OG Lobberich

3.000 Mark

Sparkasse des kath. Arbeitervereins St. Paulus

6.000 Mark

Lobbericher Spar- und Darlehnskassen-Verein

47.200 Mark

Postamt Lobberich

8.800  Mark

Summe

524.200 Mark

Auf die fünfte Kriegsanleihe im Oktober 1916

Gemeindesparkasse Lobberich

200.000 Mark

Sparer derselben

383.900 Mark

AOK f. Lobberich, Breyell und Boisheim

5.000 Mark

Postamt Lobberich

16.000 Mark

Lobbericher Spar- und Darlehnskassen-Verein

12.300 Mark

Summe

617.200 Mark

Auf die sechste Kriegsanleihe im April 1917

AOK f. Lobberich, Breyell und Boisheim

7.000 Mark

Lobbericher Spar- und Darlehnskassen-Verein

200.000 Mark

Lobbericher Bürgerschaft bei der Sparkasse

291.400 Mark

Gemeindesparkasse Lobberich

600.000 Mark

Postamt Lobberich

7.500 Mark

Schneidergenossenschaft Lobberich

300 Mark

Summe

1.106.200 Mark

Auf die siebente Kriegsanleihe im Oktober 1917

Gemeindesparkasse Lobberich

327.500 Mark

Postamt Lobberich

11.300 Mark

Summe

338.800 Mark

Auf die achte Kriegsanleihe im April 1918

Gemeindesparkasse Lobberich

100.000 Mark

Sparer derselben

151.800 Mark

Spar- und Darlehnskassen-Verein Lobberich

150.000 Mark

Mitglieder derselben

47.800 Mark

Postamt Lobberich

4.100 Mark

AOK f. Lobberich, Breyell und Boisheim

5.000 Mark

Summe

458.700 Mark

Auf die neunte Kriegsanleihe im Oktober 1918

Niediecksche Fabrik-Krankenkasse

25.000 Mark

Summe

25.000 Mark

 

 

Insgesamt zeichnete die Gemeinde Lobberich

4.726.200 Mark

an Kriegsanleihen

 

 

 

 

Gleich nach dem Ausbruch des Krieges machte man sich auch in Lobberich Gedanken darüber, wo die Verwundeten aufgenommen und wieder gesund gepflegt werden könnten. Auch in Lobberich war dies ein Thema. Nach längeren Verhandlungen zwischen der Gemeinde und der Militärverwaltung wurde die Einrichtung eines „Vereins-Lazaretts“ mit 150 Betten, das dem Reservelazarett in Kempen unterstellt wurde, genehmigt. Im Krankenhaus, das seinerzeit allen „modernen, ärztlichen und gesundheitlichen Ansprüchen genügt und so ziemlich alle Einrichtungen für ein Lazarett besaß“, wurden weitere 70 Betten aufgestellt. Darüber hinaus wurde die Schule an der Sassenfelder Straße als Lazarett eingerichtet. Hierzu musste eine vollständig neue Einrichtung (Betten, Wäsche, Badeeinrichtung, Ess- und Küchengeschirr)  angeschafft werden; auch waren Umbau- und Instandsetzungsarbeiten notwendig. Dem „Vaterländische Frauenverein  wurde die Einrichtung des Lazaretts übertragen. Der Unternehmer Karl Niedieck erklärte sich bereit, die nicht unbedeutenden Kosten der Einrichtung (8.286 Mark) zu übernehmen. Tillmann Schmetz schenkte der Gemeinde 80 eiserne Betten. Gegen Mitte September 1914 war die Einrichtung des Lazaretts in der Sassenfelder Schule vollendet.

                
                                     Die Sassenfelder Schule als Lazarett im Jahre 1915

Im Erdgeschoss und im ersten Stock waren je drei Schulzimmer mit 10 – 12 Eisenbetten, insgesamt 70 Betten, ausgerüstet. Zentralheizung, Gasbeleuchtung und elektrische Klingelanlagen waren eingerichtet worden. Die Betten waren „mit gutem, sauberen Bettzeug und warmen Decken versehen, und große Schränke bargen reichlichen Vorrat für häufigen Wechsel der Bettwäsche“. Im Erdgeschoss und im ersten Stock war ein Zimmer als Tagesraum eingerichtet, der den Verwundeten einen angenehmen Aufenthalt bieten sollte. Das Konferenzzimmer im oberen Gang war in ein Badezimmer umgeändert worden. Das Essen für beide Lazarette wurde von den Schwestern des Krankenhauses zubereitet. 50 Lobbericherinnen hatten sich bereit erklärt, einen Kursus für Krankenpflege zu besuchen, der im Krankenhaus vom Arzt Dr. Hennes abgehalten wurde. Die Sanitätskolonne stellte etwa 60 Herren aus allen Kreisen der Bürgerschaft für den Transport von Verwundeten zur Verfügung. Außerdem bot der Turnverein Lobberich die Hilfe von 20 – 30 Mitgliedern an, die in besonderen Übungen für den besagten Zweck ausgebildet wurden. Die beiden Lobbericher Großfirmen de Ball und Niedieck ließen auf ihre Kosten die erforderlichen Tragebahren herstellen. Am 7. Dezember 1914 trafen die ersten 110 Verwundete vom westlichen Kriegsschauplatz (Flandern) kommend ein. 70 Verwundete fanden Aufnahme im Krankenhaus, die übrigen wurden im Lazarett der Sassenfelder Schule untergebracht. Mitte April 1915 waren alle Betten belegt. Im Kriegsjahr 1914/15 wurden in Lobberich insgesamt 441 Verwundete verpflegt, und zwar 216 im Lazarett Sassenfelder Schule und 225 im Krankenhaus. Im September 1916 wurde die Zahl der Betten von 150 auf 180 erhöht. Mitte April 1918 wurde im Saal Klüttermann (später Hotel Köster, Hochstraße – beim V-1-Absturz vernichtet) noch ein Notlazarett mit 100 Betten eingerichtet.

Am 12. Mai 1917 traf für das hiesige Vereinslazarett wieder ein neuer Transport Verwundeter ein. Er fand Aufnahme in der Sasssenfelder Schule. Das hiesige Krankenhaus hatte jetzt für 250 Personen Verpflegung usw. zu stellen.
Mit längerer Kriegsdauer wurde die Versorgungslage der Bevölkerung immer schlechter. Zwar wurde erheblich mehr  in den Kriegsjahren gespart, das dürfte jedoch nur ein zahlenmäßiger Ausdruck für die sogenannten "Steckrübenwinter" mit sehr viel Hungerleid sein. Weil es nichts fürs Geld zu kaufen gab, sparte man eben  notgedrungen. Dadurch fiel es auch der  Sparkasse Lobberich  natürlich leichter, Aufgaben zu erfüllen, die ihnen die Kriegsfinanzwirtschaft zuwies, und die der allgemeine emotionale Patriotismus ohne Vorbehalt akzeptierte: Zeichnung von Kriegsanleihen. Nach den Erfahrungen einer Kreditkrise im Jahre 1907 waren die "bargeldschonenden" Zahlungsformen immer mehr in Mode gekommen.

Brot und Salzhering, einst das sogenannte "Armeleutegericht", wurden immer knapper und damit zur Luxusware. Nachdem die Engländer im November 1914 die Nordsee zum Kriegsgebiet erklärt hatten, fuhren die Fischkutter nicht mehr aus. Auf dem deutschen Markt gab es keinen Hochseefisch mehr. Als Ersatz für die verlorenen Fanggebiete in der Nordsee kam die Ostsee nicht in Frage, weil deren Fischbestand zu gering war. Auch die Käuferschlangen vor den Bäckereien und Fleischereien wurden immer länger und das Angebot nahm ab. Die Gemeinde ließ im Oktober 1914, um den Mangel an Speisekartoffeln zu bekämpfen, von auswärts eine Anzahl Waggons Kartoffeln kommen und verkaufte diese zum Selbstkostenpreis an die Familien der Einberufenen. Geheimrat van der Upwich richtete im Speisesaal der Firma de Ball zur gleichen Zeit eine Suppenküche ein, in der täglich eine große Zahl Kinder der Einberufenen Arbeiter eine Suppe erhielten.

Im Januar 1915 kam ein
"Kriegsbrot" auf den Markt. Es war ein Roggenbrot mit Kartoffelmehlzusatz. Fleisch und Wurst wurden seltener und teurer. Ebenfalls im Januar ließ Karl Niedieck für seine Arbeiter 10.000 Pfund holländische Möhren kommen, die er weit unter Selbstkostenpreis abgab. In einer Gemeinderatssitzung Anfang 1915 wurde, um einer etwaigen Fleischnot vorzubeugen, ein Betrag von 30.000 Mark zur Beschaffung und Aufstapelung von Schweinedauerfleisch bewilligt. Ab Februar 1916 gab es kein Frischfleisch mehr zu kaufen, Milch und Butter fehlten ebenfalls.

Die Missernte von 1916 führte zum Hungerwinter 1917 (Steckrübenwinter). Nur mit Mühe wurde eine Ernährungskatastrophe verhindert. Alle Lebensmittel wurden scharf rationiert. Zu allem Überfluss herrschte im Februar sibirische Kälte. Die Temperaturen sanken auf 14 - 16 Grad minus im Rheinland. Warme Kleidung gab es nicht zu kaufen. Neue Schuhe erhielt der Bürger nur, wenn er alte zum Tausch einlöste. Die Preise stiegen sprunghaft. Die Versorgungsrationen wurden weiter gekürzt: So wurden beispielsweise in Lobberich in der Zeit vom 2. Oktober bis 4. November 1916 (5 Wochen) folgende Lebensmittel auf den Kopf der Bevölkerung verteilt:

 

 

1. Woche

2. Woche

3. Woche

4. Woche

5. Woche

 

Fleisch

57 g

100 g

100 g

150 g

100 g

Fett

-

100 g Butter

50 g Butter

75 g Margarine

-

Zucker

250 g

250 g

125 g

125 g

-

Kartoffeln

10 Pfd.

10 Pfd.

7 Pfd.

7 Pfd.

7 Pfd.


Die Selbstversorgung mit Fleisch, Kartoffeln und Gemüse nahm im Laufe des Krieges deutlich zu. Auf dem Markt war schließlich nicht mehr alles erhältlich. Wer keine Möglichkeit zum Anbau von Früchten oder Gemüse im eigenen Garten hatte, war auf die von den Gemeinden verteilten oder verkauften Waren angewiesen. Eine wichtige Ergänzung dieses Angebotes in den Kriegsjahren stellte auch der  "Lobbericher Ferkesmarkt" dar. Die regelmäßigen Schweineversteigerungen wurden monatlich durchgeführt. Manchem im Grenzland hat das Angebot von Nahrungsmitteln vor Ort nicht gereicht. In den benachbarten Niederlanden versuchten viele Lebensmittel zu kaufen. Der Grenzübertritt war jedoch wegen des Krieges strikt untersagt. Wer sich in einem Abstand von 3 km zur Grenze aufhielt, brauchte dafür eine ausdrückliche behördliche Erlaubnis. Nicht nur der Bedarf nach Lebensmitteln war der Grund zum "Grenzgehen", auch Profitgier stellte sich häufig in den Vordergrund. Gegen Jahresende 1916 verschärften sich die wirtschaftlichen Schwierigkeiten weiter. Nicht nur die Rationierung von Grundlebensmitteln erschwerte das Leben, auch die Energieversorgung war nicht mehr gewährleistet. Ab dem 1. Dezember 1916 blieb es auf Lobberichs Straßen dunkel. Die Niedieck'sche Gasanlage versagte infolge Kohlenmangels ihren Dienst. 

Für den ganzen Monat Februar 1917 konnte an ca. 7.000 Versorgungsberechtigte der Gemeinde Lobberich nur 600 kg Grieß, 800 kg Graupen, 400 kg Teigwaren, 90 kg Suppenwürfel, 70 Zentner Sauerkraut und 3 Fass Heringe verteilt werden. Der Nachschub an Kohle blieb aus, da die Flüsse zugefroren waren. Von einer Beheizung der Wohnungen konnte nicht die Rede sein. Einige Betriebe mussten wegen Kohlenmangel wochenlang stillgelegt werden. Am 15.4.1917 stockte die Kohlenzufuhr völlig. Im April 1917 konnte kaum noch alle 3 Wochen ein Zentner Kohlen abgegeben werden. Bei der Firma de Ball & Co. wurden an sämtliche bei ihr beschäftigten Personen Teuerungszulagen gegeben. In Anbetracht der Verteuerung der meisten Lebensmittel zahlte die Firma Niedieck ihren Angestellten und Werkmeistern für den Monat März das doppelte Gehalt. Im Juni 1917 zahlte die Firma Niedieck ihren verheirateten Arbeitern eine Teuerungszulage von 10 - 20 Mark. Als Kriegshumor ist wohl das in der "Rhein und Maas" am 29.9.1917 erschienene "zeitgemäße Küchenrezept" zu verstehen:

"Man schlägt die Eierkarte, legt die Butterkarte an mäßiges Kohlenkartenfeuer bis sie braun wird und darin schmort man die Fleischkarte. Die Kartoffel- und Gemüsekarten werden abgekocht und dazu gereicht. Als Nachmahl kann man eventuell noch vorhandene Kartoffelkarten heiß abbrühen, fügt die Milchkarte hinzu, süßt das Ganze entsprechend mit der Zuckerkarte und legt endlich die Brotkarte hinein. Nachher wäscht man sich mit der Seifenkarte die Hände und trocknet diese mit dem Bezugsschein ab."

Die beiden Firmen de Ball und Niedieck zahlten den Angehörigen ihrer eingezogenen Arbeiter / Angestellten während des Krieges das volle Gehalt weiter. Damit wurde so manche Not behoben. Die einsetzende ständige Erhöhung der Lebensmittelpreise suchte die Firma Niedieck durch größeren Einkauf von Lebensmitteln zu bekämpfen; sie gab diese teilweise weit unter dem Einkaufspreis an die Familien ihrer einberufenen Mitarbeiter ab.


Im Verlauf des 1. Weltkrieges trat eine Verknappung des Kleingeldumlaufs immer deutlicher zutage, weil die Bevölkerung einerseits das Silbergeld hortete, da sein Metallwert über den Nennwert gestiegen war, und der Staat andererseits das umlaufende Nickelgeld einzog, um dessen Metall für Kriegszwecke zu verwenden. Diesem Mangel halfen mit staatlicher Genehmigung regionale Körperschaften, Städte, Gemeinden und Firmen ab, die sogenanntes Notgeld aus Metall - meist Eisen oder Zink - und papierne Gutscheine ausgaben.

Im Oktober 1915 wurden die ersten eisernen 5-Pfennigstücke ausgegeben. Sie unterschieden sich äußerlich nur wenig von den Nickelstücken. Die Inschrift auf der Vorderseite des eisernen 5-Pfennigstückes war anders angeordnet wie die auf den alten Stücken. Der „eiserne Fünfer“ war ein halbes Gramm leichter als die Nickelmünze.

                                     
                                                        Kleingeldersatzmarke

Als Beispiele der näheren Umgebung seien hier die eisernen achteckigen Kleingeldersatzmarken der
Firma Girmes aus Oedt zu 20 Pfennig (ohne Jahreszahl) sowie die papierenen Gutscheine der Stadt Kempen zu 50 Pfennig vom 30. August 1918 erwähnt. Am 16. April 1917 wurde auf einer Versammlung, zu der außer den Mitgliedern der Handelskammer München-Gladbach (wie es damals noch hieß) auch die Landräte, Oberbürgermeister und mehrere Bürgermeister des Handelskammerbezirkes geladen waren, beschlossen, daß die Handelskammer zur Behebung des vorhandenen großen Mangels an Kleingeld-Gutscheine herstellen werde, die durch die Gemeinden des Handelskammerbezirkes, zu denen auch Breyell, Kaldenkirchen und Lobberich gehörten, Gutschein-Kontingente nach Zahlung von 10 Prozent des Wertes. Diese 10 Prozent dienten zur Deckung der Herstellungs- und Vertriebskosten. Der Vertrieb erfolgte über die Deutsche Bank, Zweigstelle Mönchengladbach. Es war vorgesehen, daß die Gutscheine bis spätestens 6 Monate nach Friedensschluss gültig sein sollten. Die Gutscheine wurden bei der Firma Schött AG, Rheydt gedruckt. Nach den Unterlagen des Kreisarchivs Viersen erhielten die Gemeinden folgende Kontingente:

Breyell Ende Mai 1917 je 3.750 Scheine zu 20 und 50 Pfennige im Gesamtwert von 2.625 Mark, Kaldenkirchen Anfang Juni 1917 je 4.500 Scheine zu 20 und 50 Pfennig im Gesamtwert von 3.150 Mark, Lobberich im Juni 1917 Scheine im Gesamtwert von 4.900 Mark (Aufteilung unbekannt; wahrscheinlich je 7.000 Stück). Nachdem der Regierungspräsident der Handelskammer eine Ausgabe von weiteren Gutscheinen im Wert von 100.000 Mark bewilligt hatte, erhielten Breyell im September 1917 weitere 3.600 Scheine zu 20 Pfennig und 500 Scheine zu 50 Pfennig im Gesamtwert von 970 Mark und Lobberich im Oktober 1917 Scheine im Gesamtwert von 960 Mark. Im November 1918 übernahm Lobberich weitere Scheine im Gesamtwert von 3.300 Mark.

Am 14. Februar 1917 wurde als neuestes Kriegsgeld der Aluminiumpfennig ausgegeben. Zur Behebung der Kleingeldnot gab die Handelskammer Mönchengladbach im Mai 1917 Notgeld in Form von 20 und 50-Pfennig-Gutscheinen aus. Außer den Postkassen waren auch die Eisenbahnkassen des Handelskammerbezirks angewiesen, diese Gutscheine zur Zahlung zu nehmen. Von dem Notgeld übernahm die Gemeinde Lobberich 15.000 Mark zu 50 und 6.000 Mark zu 20 Pfennig.

"Zur Zeit des Waffenstillstandes im November 1918 lagen die Preise in Deutschland ungefähr doppelt so hoch wie im letzten Friedensjahr (1913). Der Geldwertverfall sollte sich in den beiden ersten Nachkriegsjahren in verschiedenen Schüben und von zeitweiligen Stabilisierungsphasen unterbrochen so weit fortsetzen, dass Ende 1920 die Mark lediglich noch ungefähr 6 % des Friedenswertes besaß." (nach: Zahlen der Geldentwertung)

Am 1. März 1917 gab das Königliche Kriegsministerium eine Bekanntmachung, betreffend Beschlagnahme, Bestandserhebung und Enteignung sowie freiwillige Ablieferung von Glocken aus Bronze heraus. Danach wurden alle aus Bronze gegossenen Glocken mit einem Einzelgewicht von mehr als 20 kg beschlagnahmt und soweit es sicht nichtum Glocken in mechanisch betriebenen Glockenspielen, Glocken für Signalzwecke bei Eisenbahn, auf Schiffen und Feuerwehrfahrzeugen handelte. Von der Ablieferung verschont wurden nur solche Bronzeglocken, denen nach Feststellung anerkannter Sachverständiger ein besonderer wissenschaftlicher, geschichtlicher oder Kunstwert zukam. Pastor Boers berichtete am 7. November 1917 nach Münster, dass es in der neuen Kirche in Lobberich drei Glocken gab, welche der Beschlagnahme verfielen. In der alten Kirche war eine Glocke, die als älteste im Kreise Kempen zurückbehalten werden durfte, da sie überdies als Läuteglocke in die neue Pfarrkirche überführt werden sollte. (Dr. Leo Peters im Heimatbuch Kreis Viersen 2013).


Von den von der Westfront heimkehrenden Flugzeugen überflogen verschiedene unsere Gegend. Am 16. November 1918 musste ein Doppeldecker wegen eines Motordefektes zwischen Lobberich und Dyck notlanden. Bei der Landung überschlug sich die Maschine. Die Insassen, zwei Soldaten, kamen mit dem Schrecken davon. Das Flugzeug erlitt Totalschaden. Der Propeller wurde zur Erinnerung in das Beratungszimmer des Ratehauses aufbewahrt.

Am 11.11.1918 war der 1. Weltkrieg zu Ende mit der Unterzeichnung des Waffenstillstandes beendet. Am 9.11.1918 gab Reichskanzler Prinz Max von Baden die Abdankung Kaiser Wilhelm II. bekannt. Am gleichen Tag proklamierte Karl Liebknecht die "freie sozialistische Republik Deutschland". SPD und USPD vereinbatren eine Koalition und bildeten mit dem sechsköpfigen "Rat der Volksbeauftragten" eine gemeinsame Regierung. Am 11. Februar 1919 wählte das Parlament Friedrich Ebert zum vorläufigen Reichspräsidenten.

                                           
                                                          Kaiser Wilhelm II.

"Für das Vaterland im Weltkriege zu bluten und zu sterben, war das Los von 345 Lobbericher Bürgern" - so steht es im "Eisernen Buch der Gemeinde Lobberich" von 1929.

                   
            
                    Das Strandlokal Ludwigs am Breyeller See um 1925

Der Landrat des Kreises Kempen erließ am 11. November 1918 eine Bekanntmachung:

Zur Aufklärung und Beruhigung der Bevölkerung aber auch zur Beachtung, wird hiermit folgendes bekannt gegeben:
1. Zur Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung sind auch im Kreise Kempen Arbeiter- und Soldatenräte eingerichtet worden. Bis zum Erlaß der neuen Verfassung und der hierauf folgenden Neuregelung der Behördenorganisation ist den durch einen Ausweis legitimierten Räte Folge zu leisten.
2. Die alten Zivilbehörden bleiben bestehen und haben, solange die das bürgerliche Leben regelnden Gesetze nicht geändert sind, nach diesen genau zu verfahren wie bisher. Auch die strengste Durchführung der die Volksernährung regelnden gesetzlichen Bestimmungen gehört zu pflichtgemäßen Durchführung der Zivilbehörden. Verhaftungen können aber nur vom Arbeiter- und Soldatenrat und den von diesen zugelassenen Organen vorgenommen werden.
3. In den bestehenden Milchlieferungen darf vor allem nicht die geringste Stockung eintreten, denn sonst wäre das Leben vieler Säuglinge in den Industriestädten gefährdet, und jetzt darf kein einziges Menschenleben in Deutschland unnütz zu Grunde gehen.
4. Die von den Landwirten noch abzuliefernden Kartoffeln sind restlos zu liefern. Sie sind zum größten Teil für die Industriestadt Sterkrade bestimmt. Wird dort die Ruhe wegen Nichbelieferung mit Kartoffeln gefährdet, so wird der Kreis Kempen Rquisitionen zu befürchten haben, die unbedingt vermieden werden müssen.
5. Im Gegensatz zu den Nachbarstädten und M.-Gladbach kann hier als Grundmenge nur 3 1/2 statt 4 Pfund Brot geliefert werden, da die Reichsgetreidestelle den selbstwirtschaftenden Kreisen, zu welchen Kempen geört, die zur Streckung erforderlichen Kartoffeltrockenpräparate erst vom 1. Januar 1919 ab liefern kann. Bis dahin sollen die selbstwirtschaftenden Kreise das Brot mit Frischkartoffeln strecken. Von allen Seiten ist bei mir aber der Wunsch vorgebracht worden, von einer solchen Streckung abzusehen und die Streckkartoffeln in Natur der Bevölkerung zu überweisen. Dies ist angeordnet worden.
6. In den Monaten August, September und Oktober waren den Landkreisen Graupen, Gries, Nudeln oder dergleichen nicht geliefert worden. Seit 1. November hat die Belieferung wieder eingesetzt. Die dem Kreise überwiesenen Mengen sind infolge Transportschwierigkeiten bisher nicht eingetroffen, werden aber sofort nach Eintreffen zur Verteilung gelangen.
7. Seitens des Reichskohlenkommissars ist eine vorzugsweise Belieferung des linken Niederrheins mit Kohlen angeordnet. Hoffentlich wird diese Anordnung durch die in den Waffenstillstandsbedingungen verlangte Abgabe von 150 000 Waggons nicht unmöglich gemacht.
8. Auch die Lieferung von Schlachtvieh muß in der bisherigen Weeise auf das Pünktlichste erfolgen, denn sonst würde die Ernährung des Fehldheeres gefährdet.
9. Um alles Gesagte noch einmal kurz zusammenzufassen, sei gesagt: Ruhe und Besonnenheit ist jetzt die vornehmste Bürgerpflicht. Den polizeilichen Anordnungen des Arbeitr- und Soldatenrates ist Folge zu leisten. Im übrigen muß bis auf weiteres Alles seinen alten Gang gehen und darf unser gespanntes Wirtschaftsleben nicht die geringste Störung erfahren.
Kempen-Rhein, den 11. November 1918
Der Landrat

Die politische Umwälzung bracht auch in Lobberich einige Erleichterungen, so wurde unter anderem die lästige Bahnsteigsperre aufgehoben. Was die Gerichtsbarkeit betraf, so blieben alle bisherigen Gesetze und Strafbestimmungen bestehen. Alle Vergehen gegen Ordnung und Sicherheit, insbesondere auch gegen den Schutz des Privateigentums, unterlagen der sofortigen Bestrafung durch den Arbeiter- und Soldatenrat.

Zur Wahl eines Arbeiter- und Soldatenrates wurde am 13. November 1918 im Saale Kessels eine Versammlung einberufen, die insbesondere von ehemaligen Soldaten besucht wurde, auf der über die Tätigkeit und Befugnisse des Rates informiert wurde.  Am 17. November 1918 fand dann die Wahl statt. Der Arbeiter- und Soldatenrat Lobberichs bestand aus den Herren August Schroers, Fritz Steinwegs, Hubert von Krüchten und Wilhelm Riether. Er erließ gleich eine Reihe von Bekanntmachungen:

Nachdem hier in Lobberich ein Arbeiter- und Soldatenrat gebildet wurde, der die öffentliche Gewalt übernommen hat, hat sich ein jeder den zum Schutze von Leben und Eigentum der Bürger und Soldaten erlassenen Anordnungen zu fügen. Er übernimmt mit der Polizei die Sicherung und Aufrechterhaltung der Ordnung, sowie die Bewachung des privaten und öffentlichen Eigentums.
Lobberich, den 15. November 1918

Im Anschluss an diese Bekanntmachtung wurden folgende Bestimmungen erlassen:
1. Von Sonntag, den 17. November 1918, ab müssen alle Wirtschaften abends 10 Uhr geschlossen sein.
2. Nach 11 Uhr abends dürfen Zivil- und Militärpersonen ohne besonderen Ausweis des Arbeiter- und Soldatenrates die Straße nicht betreten.
3. An Wochentagen sind öffentliche Lustbarkeiten und Kinoaufführungen verboten.
4. Personen unter 17 Jahren dürfen sich abends nach 7 Uhr nicht mehr auf der Straße aufhalten.
5. Die Beauftragten des Arbeiter- und Soldatenrates sowie die Sicherheitsbeamten erhalten einen Ausweis und tragen weiße Armbinden. Den Anordnungen der mit dem Ausweis versehenen Organe ist unbedingt Folge zu leisten.
6. Beschwerden und Anzeigen sind im Büro des Arbeiter- und Soldatenrates, Rahthaus-Zimmer Nr. 2, anzubringen. Die Dienststunden sind an Werktagen von 9 bis 12 Uhr vomittags und von 3 bis 6 Uhr nachmittags.
Es ist unbedingte Pflicht eines jeden Einwohners, zur Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung nach Kräften mitzuwirken. Straßenansammlungen sind verboten. Alle Verbrechen, Plünderungen und Straßenraub werden mit sofortiger Verhaftung unter Umständen mit dem Tode geahndet. Bürger und Soldaten! Es wird bestimmt erwartet, daß ihr uns zum Wohle unserer Gemeinde bei allen Maßnahmen auf's Tatkräftigste unterstützt und daß ihr den Geist unserer jetzigen Zeit versteht.
Lobberich, den 15. November 1918

Der Polizeiverwalter, Bürgermeister Eger, verweigerte die Gegenzeichnung dieser Bekanntmachtung, da nach seiner Ansicht der Arbeiter- und Soldatenrat die Todesstrafe weder androhen, noch verhängen, noch ausführen konnte.

Von den von der Westfront heimkehrenden Flugzeugen überflogen verschiedene auch Lobberich und Umgebung. Am 16. November 1918 musste ein Doppeldecker wegen eines Motordefektes zwischen Lobberich und Dyk notlanden. Bei der Landung überschlug sich die Maschine. Die Insassen, zwei Militärangehörige, kamen mit dem Schrecken davon. Der Propeller der Maschine wurde im Beratungszimmer des Rathauses aufbewahrt.

Am 1. Dezember 1918 begann die Besetzung des linksrheinischen Gebietes durch die Besatzungsmächte. Die Belgier besetzten das Gebiet von der holländischen Grenze bis zum englischen Abschnitt bei Düsseldorf-Oberkassel. Die Engländer besetzten den Brückenkopf Köln und das Hinterland vom Rhein bis zur belgischen Grenze. Die Amerikaner besetzten den Brückenkopf Koblenz und das Gebiet nach Westen bis zur luxemburgischen Grenze. Die Franzhosen besetzten den Brückenkopf Mainz und das Gebiet des linksrheinischen Hessen, sowie die Pfalz.

Die Gemeinde Lobberich war vom 16. Dezember 1918 ab der Militärbehörde der Verbündeten unterstellt. Sofort wurde die belgische (westeuropäische) Zeit eingeführt. Die Uhren der öffentlichen Gebäude wurden um eine Stunde zurückgestellt. Während alle Nachbarorte belgische Besatzung erhielten, blieb Lobberich mit Ausnahme einer vorübergehenden Einquartierung davon verschont, jedoch waren für Lobberich die Anordnungen des Kommandanten von Kaldenkirchen maßgebend. Patrouillen überwachten die Durchführung der Vorschriften, wofür der Bürgermeister in erster Linie verantwortlich war. Dass die Besetzung mit vielen Unannehmlichkeiten für die Bürger verbunden war, muss nicht unbedingt erwähnt werden.

Da auch nach Beendigung des 1. Weltkrieges der Kleingeldmangel in der jungen Weimarer Republik nicht behoben wurde, konnte die ursprüngliche Gültigkeitsdauer der Gutscheine nicht aufrechterhalten werden. Die Handelskammer erkundigte sich daher in einem Rundschreiben vom 26.2.1919 an die Gemeinden des Kammerbezirks nach der Anzahl der verschlissenen Gutscheine und dem Bedarf an neuen Scheinen. Nach Feststellung des Neubedarfs an Notgeldscheinen ersuchte die Handelskammer um die Genehmigung zur Neuausgabe weiteren Notgelds in der bisherigen Ausführung , die auch für Scheine im Werte von 250.000 Mark erteilt wurde. Der Versailler Vertrag, der den 1. Weltkrieg staatsrechtlich beendete, wurde am 28.6.1919 in Versailles unterzeichnet und trat am 10.1.1920 in Kraft. Er brachte außer umfangreichen Gebietsabtrennungen auch die alliierte Besatzung des linksrheinischen Gebietes. Im Gebiet des heutigen Nettetal war die belgische Besatzungsbehörde die oberste Instanz.


 
                  Die neue kath. Kirche zum 1920                                Das Rathhaus um 1925

Anfang des Jahres 1921 hält in Lobberich der Stummfilm seinen Einzug. Die Zeitschrift "Rhein und Maas" spricht von einem "sensationellen Ereignis", das sich die Leser nicht entgehen lassen dürften. Gespielt wird "Der letzte Mohikaner". Die Rationierung von Lebensmitteln war mittlerweile weitestgehend aufgehoben. Langsam kehrte man zur "Normalität" zurück. Der Haushalt der Gemeinde Lobberich war in dieser Zeit "chronisch notleidend". Die Ratsmitglieder beschäftigten sich in fast jeder Ratssitzung mit der Frage, wie das Nötigste bezahlt werden könne. Die Erhöhung örtlicher Steuern wurde häufig diskutiert, so wurde im März 1921 eine Hundesteuer eingeführt.

Zu einem Eklat kam es im April 1921 in Lobberich. Bürgermeister Eger wurde am 22. d. M. vom Dienst suspendiert. Ihm wurde vorgeworfen, gemeinsam mit dem Leiter des Lebensmittelamtes eine Urkundenfälschung begangen zu haben. Amtsgerichtsrat Baumann führte die Ratssitzungen, Bürovorsteher Brocher leitete kommissarisch bis zur Rückkehr Egers im Jahre 1925 die Verwaltung. Das Jahr 1921 ist auch Auftakt für lebhafte Diskussionen über große Verkehrsprojekte in Lobberich und Umgebung. Im Gemeinderat wurde über die Verbesserung der Verbindungen zu den Nachbarorten nachgedacht. Die SPD favorisierte eine Schienenverbindung nach Breyell und Süchteln, während die Verwaltung einen Omnibusverkehr vorzog, da dieser "weniger teuer" sei. Schließlich war dem Rat die Verbesserung des Fahrplanes auf der Bahnstrecke Kaldenkirchen-Kempen wichtiger. Allein 250 Arbeiter aus Lobberich benutzten diese Zugverbindung jeden Morgen. Die "Rhein und Maas" berichtet von Plänen der belgischen Regierung, einen Schelde-Rhein-Kanal zu bauen. Dieser sollte von Antwerpen über Mönchengladbach zum Rhein führen.


Am 11. September 1922 verstarb Hermann van der Upwich. Er war stets aufgeschlossen für die sozialen Belange der Arbeitnehmer. Er war erster Beigeordneter der Gemeinde, war Kreisdeputierter und Armenpfleger. Für die Firma J.L. de Ball war dies ein schwerer Schlag. Dioe Nachfolge ging in die Hände seiner Söhne Anton und Carl van der Upwich, die seit 1892 bzw. 1894 bereits zum Geschäftsführer bestellt waren. Carl van der Upwich lud sich fast ein Übermaß an Arbeit auf, obwohl ihn ein schweres Augenleiden stark behinderte. Die geschäftlichen Schwierigkeiten, welche die Weltwirtschaftskrise der zwanziger Jahre im Gefolge hatte, wie seine fortschreitende Erblindung veranlassten ihn, sich 1929 aus dem Betrieb zu lösen. Anton van der Upwich trat geschäftlich nicht mehr hervor. Er krankte an einem Krebsleiden und starb 1925 im Alter von 58 Jahren.

          
                          Die Villa Niedieck um 1920 (heute Haus Erlenbruch)

Seiner Ehe mit einer Tochter des Geheimrats Niedieck entspross der in Textilkreisen gut bekannte Dr. rer. pol Hans van der Upwich. Im Jahre 1933 baute er die Betriebsgemeinschaft Niedieck-de Ball auf und führte sie bis 1939 zu einer stolzen Höhe. Dann ging er zur Seidenindustrie und nahm seinen Wohnsitz in Krefeld. Hier starb er, wie sein Vater bereits mit 58 Jahren.

             
                                        Die Kothmühle an der Nette um 1920

Weil die Gaslieferungen von der Firma Niedieck im Jahre 1921 nur sehr unregelmäßig erfolgen, wurde nach Mitteln und Wege gesucht, ein eigenes Gaswerk zu errichten. Im 1898 erbauten Wasserwerk erfolgte im Jahre 1922 eine Umstellung der Wasserwerksmotoren von Dampf auf Sauggas. 1923 wurde das neue Gaswerk an der Wevelinghover Straße fertiggestellt. Ab 2. Mai wurde die Bevölkerung und die Industrie mit Gas versorgt. Im Jahre 1927 wurde das Niedieck’sche Gaswerk an der oberen Breyeller Straße abgebrochen. Das Unternehmen erhielt ab sofort Gas von der Gemeinde.

             
                       Der Gaskessel des Wasserwerks an der oberen Wevelinghover Straße

Nach der Novemberrevolution 1918 verpflichtete der Versailler Vertrag Deutschland, Reparationen an die Siegermächte (insbesondere Frankreich) zu zahlen. Deutsche Reparationsleistungen mussten in Goldmark, Devisen und Sachgütern geleistet werden und waren daher nicht von der Inflation betroffen. Im Januar 1920 hatte die Mark gegenüber dem US-Dollar nur noch ein Zehntel ihres Umtauschwerts vom August 1914. Weil die Reichsregierung nicht mehr in der Lage war, die Reparationen in angemessener Höhe zu bezahlen oder Ersatzleistungen in Form von beispielsweise Kohle zu erbringen, kam es zur Ruhrbesetzung durch französische und belgische Truppen. Die deutsche Regierung unter Reichskanzler Wilhelm Cuno rief zum „Ruhrkampf“, zum passiven Widerstand gegen die militärische Besetzung auf. Um die Streikenden bei Laune zu halten, wurden ihnen entsprechende finanzielle Hilfen ausgezahlt – in einer Mark, die sich durch die von der Regierung betriebene Geldvermehrung immer rascher entwertete. Damit begannen die Monate der Hyperinflation, die noch Generationen von Deutschen als Beispiel für die Schrecken einer Inflation verfolgten. Immer schneller verzehnfachte sich die Abwertung gegenüber dem US-Dollar, bis schließlich im November 1923 der Kurs für 1 US-Dollar 4,2 Billionen Mark entsprach. Auch die anderen kriegsbeteiligten Staaten hatten unter den Folgen des Weltkrieges zu leiden. In den Jahren 1921 und 1922 kam es zu einem weltweiten Konjunktureinbruch. Die deutsche Volkswirtschaft konnte sich in dieser Zeit erholen. Die entwerteten Löhne und Einkommen wirkten wie Lohndumping. Das deutsche Wirtschaftswachstum war stärker als in den Volkswirtschaften der Sieger. Im Oktober 1921 hatte die Mark noch ein Hundertstel ihres Wertes vom August 1914, im Oktober 1922 nurmehr ein Tausendstel.

Der wirtschaftliche Zusammenbruch des Deutschen Reiches infolge der finanziellen Belastungen durch die Besetzung des Ruhrgebietes kündigte sich an. Die Reichsbank, zu einer ausreichenden Versorgung mit Banknoten weiterhin nicht in der Lage, drängte auch Städte und Gemeinden auf vermehrte Ausgabe von Notgeld. So begannen Anfang August auch Breyell, Kaldenkirchen und Lobberich mit der Ausgabe eigenen Notgelds. Die Lobbericher Firmen J.L de Ball und Niedieck waren noch schneller; sie bezahlten ihre Beschäftigten bereits in der letzten Juliwoche mit eigenen Schecks (de Ball) bzw. Gutscheinen (Niedieck) in Nennwerten bis zu 100.000 Mark.

Am 11. Januar 1923 begann die Besetzung des Ruhrgebietes durch französische und belgische Truppen wegen angeblich vorsätzlich versäumter deutscher Raparationslieferungen. Die Folge war eine Verschärfung der wirtschaftlichen und politischen Lage, zumal die deutsche Regierung den passiven Widerstand verkündete. Der Widerstand, an dem die Beschäftigen der Reichsbahn einen großen Anteil hatten, führte zu harten Gegenmaßnahmen, die besonders das besetzte Rheinland zu spüren bekam. Wem die Beteiligung am passiven Widerstand nachgewiesen wurde, erhielt hohe Geld- und Freiheitsstrafen, unliebsame Personen wurden aus teilweise fadenscheinigen Gründen samt ihrer Familien ins unbesetzte Reichsgebiet ausgewiesen. Der Breyeller Bürgermeister Müllers erhielt die Ausweisung, weil er dafür verantwortlich gemacht wurde, dass mit der für einen Tag zum 25jährigen Jubiläum des katholischen Gesellenvereines genehmigte Beflaggung schon am Vortag begonnen wurde und einige Girlanden und Flaggen noch am folgenden Tag hängengeblieben waren.

Glaubte man Anfang August 1923 noch daran, daß die Geldknappheit von vorübergehender Natur sei, so mußte man dies bald als Irrglaube erkennen. In Kaldenkirchen jedoch glaubte man der Erklärung der Reichsbank, daß man zur Befriedigung des zukünftigen Zahlungsmittelbedarfs wieder in der Lage sei: Bürgermeister Dr. Pauw machte am 13.9.1923 die Aufkündigung der Gutscheine bekannt. Diese mußten bis zum 25. September bei der Städtischen Gemeindekasse oder bei der Stadtsparkasse Kaldenkirchen eingetauscht werden. Nicht eingetauschte Geldscheine verfielen mit diesem Tag. Der auf den Scheinen aufgedruckte Gültigkeitstermin wurde demnach sowohl verlängert als auch vorgezogen. Schließlich gab die Städtische Sparkasse am 21.9.1923 bekannt, ab 1. Oktober 1923 nur noch das Notgeld der Handelskammer M.-Gladbach, der Landesbank sowie des Kreises Kempen annehmen zu wollen. Diese Ankündigungen scheinen zumindest in Kaldenkirchen gewirkt zu haben, denn es steht fest, daß Gutscheine für insgesamt ca. 7,5 Milliarden Mark entwertet wurden. Die Städtische Sparkasse schickte nämlich am 9. Oktober 1923 entwertetes Notgeld im Nennwert von 6.270.200.000 Mark und am 15. November 1923 nochmals 1.203 Milliarden Mark an den Bürgermeister. Wieviele Scheine bei der Stadtkasse eingelöst wurden, ist nicht bekannt. Immer neues Notgeld musste ausgegeben werden. Bald regierten die "Nullen" das Geschehen. Der Verfall der Papiermark wird am Preisanstieg ersichtlich: Für ein Schwarzbrot von dreieinhalb Pfund stieg der Preis in Lobberich am 21.7.1923 auf 8.300 Mark, am 4. August auf 13.800 Mark, am 7. September auf 480.000 Mark und am 28. September auf 17 Millionen Mark.

Die Gemeinden Hinsbeck und Leuth haben kein eigenes Notgeld ausgegeben. Sie gehörten im Jahre 1923 noch zum Kreis Geldern, der für die lokalen Notgeldausgaben zuständig war. Wegen der Nähe zu Lobberich, Breyell und Kaldenkirchen dürfte auch Notgeld aus diesen Gemeinden in großer Menge in Hinsbeck und Leuth umgelaufen sein. Außer den in Breyell, Kaldenkirchen und Lobberich ausgegebnen Notgeldsorten war auf dem Gebiet des heutigen Nettetal Notgeld folgender Körperschaften aus der näheren Umgebung gültig: Kreise Kempen und Geldern, Kreis-Kommunalkasse Kempen, Gemeinschaftsausgabe der Landkreise Krefeld/Gladbach/Grevenbroich/Kempen/Neuß, Handelskammer M.-Gladbach. Gültig waren ferner die Ausgaben der Rheinprovinz (Provinzialverband, Landesbank, Land-wirtschaftskammer) sowie das gemäß den Bestimmungen der Hohen Interalliierten Rheinlandkommission mit dem Gültigkeitsvermerk für den altbesetzten Teil des Regierungsbezirks Düsseldorf versehene Notgeld.

In einem Artikel des in Kempen erscheinenden "Niederrheinischen Tageblatts" vom 17.9.1923 konnte man u.a. lesen: "Ein heilloses Durcheinander brachte für die gesamte Verbraucherschaft die Weigerung einiger hiesiger Banken, die das im Umlauf befindliche Notgeld der Industriefirmen des Niederrheins verweigerten. Es liegt gar kein Grund vor, dieses Geld zu verweigern und es gar als verfallen zu erklären."

Zur Erläuterung: Während die Firmen für ihr Notgeld die erforderlichen Sicherheiten hinterlegt hatten (die Firma J.L. de Ball z.B. bei der Sparkasse der Gemeinde Lobberich), der ausgegebene Betrag also voll gedeckt war, hatte die Reichsbank schon im August für die von ihr in Umlauf gebrachten Banknoten keine Deckung mehr zu Verfügung. Auch hinsichtlich der Deckung des von den Gemeinden ausgegebenen Notgeld dürften Zweifel angebracht sein.

In diesem September 1923 übernahm die "galoppierende Inflation" endgültig die Regie. Behörden und Firmen konnten nur noch reagieren. Erinnern wir uns: Der Preis für ein Schwarzbrot von dreieinhalb Pfund war in drei Wochen von 480.000 Mark auf 17 Millionen Mark gestiegen. Die Zeit der Milli-ardenscheine war gekommen, die der Billionenscheine begann Mitte Oktober 1923. Bald spielten die Kinder mit den nicht eingelösten Hunderttausend- und Millionenscheinen. Es lohnte den Aufwand nicht mehr, die neuen Notgeldausgaben in den Zeitungen bekanntzugeben angesichts der täglichen Preissteigerungen: Das Schwarzbrot zu dreieinhalb Pfund kostete in Lobberich ab 4. Oktober 1923 26 Millionen Mark, ab 19. Oktober 250 Millionen Mark und ab 23. November 1923 gar 660 Milliarden Mark.

Aufgrund des am 16.10.1923 angenommenen Ermächtigungsgesetzes wurde die Errichtung der Rentenbank verordnet. Sie sollte im November die Rentenmark als Zwischenwährung ausgeben, bis sich die Mark stabilisiert hatte. Weil die Rentenmark nicht durch Gold gedeckt war, wurden Hypotheken auf Grundbesitz, Industrie, Handel und Banken an das Reich in Höhe von 32 Milliarden Goldmark zur Sicherung herangezogen. Die Rentenbank durfte nur 24 Milliarden Rentenmark in Noten ausgeben (die Hälfte als Darlehn an die Reichsregierung, die andere Hälfte als Kredit an die Wirtschaft). Damit sollte der Rentenmark das Schicksal der Papiermark erspart bleiben. Die Papiermark blieb vorläufig noch gesetzliches Zahlungsmittel. Weil der Drang nach wertbeständigen Zahlungsmitteln größer wurde, teilte die Regierung am 23.10.1923 mit, daß Industriebetriebe mit entsprechenden Sicherheiten auf Antrag die Genehmigung zur Herausgabe wertbeständiger Notgeldscheine bekämen.

Die letzten Tage vor Inkrafttreten der Währungsreform spiegelten noch einmal den Taumel der Geldentwertung wider. Die Preise wechselten nahezu stündlich, Briefmarken wurden ohne Aufdruck hergestellt, und die Beamten schrieben den gerade gültigen Stand per Hand ein. Am 1. November 1923 kostete ein Pfund Brot 260 Milliarden, das Pfund Zucker 250 Milliarden, das Pfund Fleisch 3,2 Billionen Mark. Der Tageslohn eines gelernten Arbeiters in Berlin betrug 3 Billionen Mark.

Am 15.11. d. J. wurde dem Spuk das amtliche Ende verordnet. Die Rentenmark wurde ausgegeben. Am 20. 11. wurde der Dollarkurs mit 4,2 Billionen Papiermark zwangsweise fixiert. Auf dem Schwarzmarkt stiegt er allerdings bis zur letzten Novemberwoche noch weiter bis auf 12 Billionen Papiermark. Als Umtauschverhältnis für die Rentenmark gilt: Eine Billion (1.000.000.000.000) Papiermark entspricht einer Rentenmark ("Bimark"). Ab diesem Zeitpunkt galten drei verschiedene Währungen: Papiermark, Renten-mark und, theoretisch, die alte Goldmark.

  

Hinsichtlich des in Lobberich ausgegebenen Notgeldes wird auf den Beitrag von Günter Pioch, der hier nachzulesen ist, verwiesen.

Im Jahre 1925 wurde der Gemeinde Lobberich, als der ersten im Kreise, die Führung eines Gemeindewappens genehmigt. Man wählte das Wappen des ausgestorbenen Geschlechtes der Freiherren und Grafen von Bocholtz. Das Bocholtzer Wappen zeigt drei silberne Leopardenköpfe mit ausgeschlagener roter Zuge im grünen Felde.

Am 31. Januar 1926, kurz vor Mitternacht, fanden sich viele Lobbericher Bürger und zahlreiche Vereine zu einer feierlichen Befreiungskundgebung auf dem Marktplatz ein. Man feierte das Ende der Besatzungszeit. Ursache waren die Verträge von Locarno vom 01. Dezember 1925, die u.a. den territorialen Status quo an der Westgrenze Deutschlands sicherten.

Im Jahre 1927 siedelte das "Guß-Armaturenwerk Robert Kahrmann & Co." von Düsseldorf nach Lobberich über und begann recht bescheiden in den früheren Ställen und Remisen, die zum Haus Erlenbruch gehörten, die Produktion von Druckgruß- und Stanzteilen und Armaturen. Das Haus hatte die Familie Kahrmann mit der Familie Niedieck gegen ein Gut in Arcen im benachbarten Holland getauscht.

Am 26. März 1929 wurde der Lobbericher Schachclub im Café Imhoff (Ecke Werner-Jaeger-/Wevelinghover Straße - früher Sportklause) gegründet. Lorentz Fretz, Theodor Hubert, Willy Wynen, Johannes Wynen, Wilhelm Schaub, Willy Gommans, Paul Imhoff, Peter Jacobs und Johannes Holthausen waren die Gründer. Lorentz Fretz wurde zu Vorsitzenden und Willy Wynen zum Schriftführer und Kassierer gewählt. Im März 1931 wechselte man zur Gaststätte Egidius Dohmes (früher Marktstraße).

                
                                               Evangelische Kirche um 1930
1930 wurde der "Tennisclub Rot-Weiß" in Lobberich gegründet. Die vom Lobbericher Sportclub angestrebte Breitenarbeit brachte es mit sich, dass auch viele Fußballer und Leichtathleten des Sportclubs an diesem Sport Gefallen fanden. Um in Wettkämpfen auftreten zu können, beschloss der Tennisclub im Jahre 1933, dem Lobbericher Sportclub beizutreten.

Im Juli 1933 übernahm Leo Marx aus Schönecken in der Eifel das Amt des Bürgermeisters, das er bis zum Ende des Krieges ausübte. Er löste den bisherigen "ersten Mann", Verwaltungsinspektor Kirschbaum aus Düsseldorf ab, der wiederum das Amt vom Ende März beurlaubten Bürgermeister Eger übernommen hatte. Marx war vorher in Schiefbahn Bürgermeister. Dort wurde er im März 1933 von zwei "ortsfremden, unbekannt gebliebenen Motorradfahrern" nachts in seiner Wohnung überfallen und "in der rohesten Weise mißhandelt" (Niederrh. Tageblatt vom 30.3.1933) Drei Wochen Später bittet Marx "nach einer Rücksprache mit der Kreisleitung der NSDAP den Landrat um seine Beurlaubung", die genehmigt wurde.

Bei der Wahl zum Gemeindeparlament am 12. März 1933 wählten die Lobbericher mit 1508 Stimmen gleich acht Nationalsozialisten in den Gemeinderat. Das Zentrum, bis dahin die stärkste Partei erhielt "nur noch" sechs Abgeordnete. Der Vertrauensvorschuss, den viele Lobbericher in der verbreiteten Not Hitler entgegenbrachten, war überraschend groß. Schon bald kam es zu ersten Übergriffen im Arbeitsdienstlager an der Breyeller Straße. Am 1. Juli durchsuchten auf Anweisung der Gestapo (Geheime Staatspolizei) örtliche Polizeibeamte die Räume der katholischen Jugend und beschlagnahmten, wie es hieß "Flugblätter, Reklameschriften und Vorstandsakten und 15 Reichsmark", außerdem Wimpel, 1 Banner, 2 Pfeifen und 1 Trommel. Im Sommer gab es nur noch eine Partei, die NSDAP (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei), da sich bis zum Juli alle anderen Parteien selbst aufgelöst hatten oder dazu gezwungen worden waren.

                                         
                                             Bürgermeister Leo Marx
                                             * 28.06.1885 Schönecken
                                             + 31.08.1957 Lobberich


Am "Tag der nationalen Arbeit" - am 1.5.1933 - wird in Lobberich eine "Adolf-Hitler-Eiche" gepflanzt. Im Lobbericher Gemeinderat scheitert die Idee Verwaltungsinspektor Kirschbaum, das Nettebruch in "Hitlersee" umzutaufen, am Widerstand Breyells. Viele Gemeinderäte im Kreis Kempen-Krefeld ernannten Adolf Hitler zum Ehrenbürger ihrer Kommune, so auch in Lobberich. In der Urkunde heißt es: Der Gemeinderat ernennt hiermit den Führer und Kanzler des Deutsches Reiches, Adolf Hitler, zum Ehrenbürger von Lobberich. Adolf Hitler hat dem jungen Deutschland in zäher Arbeit und nie rastender Hingabe und Aufopferung zum Durchbruch den Weg gebahnt. Darum lebe er als Ehrenbürger in und unter uns. Lobberich, den 7. April 1933 (Niederrh. Tageblatt vom 11.4.1933).

               
                             Der Sprungturm im Breyeller See mit Hakenkreuzfahne


In Lobberich wurden im Jahre 1935 die leer stehenden Fabriken größtenteils abgerissen. Die Gemeinde erwarb den Niedieck’schen Park mit dem „Kastell Ingenhoven“ für 40.000 Reichsmark von Lucie Niedieck (*1870, +1911), Tochter von Karl Niedieck und Katharina Kessels. Das Kastell wurde zur „Burg Ingenhovengermanisiert und der Park für die Öffentlichkeit hergerichtet. Langsam liefen die übrig gebliebenen Firmen wieder an. Die erhoffte wirtschaftliche Erholung trat jedoch nicht ein.
In den Jahren 1935/36 machte sich die Arbeit für den Fremdenverkehr bemerkbar. Die ersten Sonderzüge der Kraft durch Freude-Organisation (KDF) rollten im Lobbericher Bahnhof ein. Sie brachten Urlauber oder Tagesreisende mit. Dadurch konnte der Einzelhandel (Tabakwaren Troekes, Lebensmittelhändler etc.) und die Wirte der Ausflugslokale (vor allem Ludwigs am Breyeller See und Schmitter am de-Witt-See) aufatmen. Nach langen bitteren Jahren des Ausharrens  kam das erste „große“ Geld ins Land. 

Der Lobberich Max Haas, von vielen „Onkel Max“ genannt, war zwischenzeitlich Privatdozent an der TH Aachen und gleichzeitig Leiter der Aluminiumzentrale Berlin geworden. Mit seiner Heimatstadt Lobberich war er eng verbunden. In seinem Haus in Berlin trafen sich all jene Lobbericher, Breyeller und Hinsbecker, die es dorthin verschlagen hatte. Auch Prof. Werner Jäger gehörte zum Freundeskreis von Prof. Dr. Haas und besuchte die regelmäßigen Zusammenkünfte im Hause Haas.

Am 7. März 1936 trafen sich in der damaligen Gaststätte bei Trautchen Mattenaar (später „Heidekrug“) zwölf Mitglieder des Angelsportvereins „de wipp“ und die „Heier Schötte“ um eine Karnevalsgesellschaft zu gründen. Die Karnevalsgesellschaft sollte „zünftigen Karneval“ und einen Rosenmontagszug organisieren.
350 Mitglieder kamen zur ersten Versammlung am 4.  April 1936. Bedingung: Sie mussten mindestens 18 Jahre alt sein und auf der Heide wohnen. Die erstreckte sich von der Düsseldorfer Straße (nur die westliche Seite) bis zur Hochstraße (nur die „Dammer-Seite“) sowie von der zur Sassenfelder Straße bis zur Neumühle (Gartz) und der Grenze zu Breyell. Erster Präsident wurde Heinrich Simonett, der von Versammlungsleiter Leo Bontenackels per Handschlag verpflichtet wurde.

Die „Fidele Heide“ organisierte 1937 den ersten Lobbericher Rosenmontagszug; Motto: „Alles onger eene Hot“. Zwölf von Pferden gezogene Wagen und 20 Fußgruppen begleiteten Prinz Willy I. (Ludwigs). Sogar die „Tömper“ (Süchtelner Straße) und „Die Blömkes van et Sossefeld“ machten mit. 1939 zog mit Prinz Theodor Kaisers der zweite Narrentreck – es war der letzte in Lobberich vor dem Zweiten Weltkrieg.

              
                   Karnevalszug 1939 - der Prinzenwagen mit Prinz Theo Kaisers mit Prinzessin
                                       und Gefolge (aus: Festbuch "Fidele Heide")



    
   "Dorfer Schule" Steegerstraße / Ecke Neustraße                        Die "alte" evangelische Kirche
   1880 erbaut. Bis 1957 war in einem Raum auch
       die evangelische Schule untergebracht.

Das Olympiajahr 1936 verging nicht ohne eine von den meisten Einwohnern Lobberichs nicht bemerkte Veränderung. Um Weihnachten 1936 zog eine merkwürdige Gruppe in das Weinzimmer des Hotels Kessels-Dammer (heute: Hotel Stadt Lobberich) ein. Das III. Bataillon Grenzregiment 26, für das die Offiziere des ersten Weltkrieges verpflichtet wurden, wurde aufgestellt.

         
                    Hotel Kessels (Der Saal vorne bis zum Torbogen wurde 1958 abgerissen
                    um den Neubau der Sparkasse Lobberich möglich zu machen) im Jahre
                1930 (Das Gebäude ab dem Torbogen ist das heutige Hotel Stadt Lobberich)

 
Mitte der 1930er Jahre wurden auf dem Platz an der Hochstraße (heute Beginn der von-Bocholtz-Straße) Ferkel verkauft. Das Bild (1929) zeigt die Gewerbeausstellung des Landmaschinenhändlers Tilmann Schmetz. Links sind Mauer und Hinterhaus des Bongartzstiftes zu erkennen, rechts hinter den Bäumen der Saal Dammer. Am Kopf des Platzes steht eine Baracke, die dem Reichsarbeitsdienst diente. Dahinter ist querstehend der Brockerhof, dahinter das Windmühlenbruch. Foto: RP

1937 übernimmt das "Capitol"-Kino am Markt. Ebenfalls im Jahre 1937 gründeten einige Lobbericher Billardspieler den Verein der Billardfreunde Lobberich.

1937 ging es fast allen Lobbericher Bürgern besser. Die beliebte Karnevalsgesellschaft „Heideröschen“ mit ihren unvergesslichen Sitzungsabenden traf die Vorbereitung auf zur großen Revue „Samt und Seide“. So wurde Karneval 1938 ein umjubelter Erfolg. Paula Bispels (später lange Zeit Wirtin im bekannten Lokal „den Tuddel“ an der Breyeller Straße) sang die Titelrolle. Es folgten 16 Aufführungen im stets ausverkauften Dammer’schen Saal. Das Hauptlied wurde zur „Lobbericher Nationalshymne“. Der Lohn für die Akteure war eine gemeinsame Reise.

                        
Komm, zieh mit mir
                         zum schönen Niederrhein
                  
Walzerlied aus der Revue "Samt und Seide"
                   Text: Hein Nicus       Musik: Martin Heghmann

     Ich zog einst als Weber vom Niederrhein in die Welt hinaus;
     Trotz herrlicher Frauen, Gesang und Wein fand ich kein Zuhaus.
     Doch an dem Strand auf Norderney lachte mir das Glück!
     Mit dem Wandern war's vorbei, die Heimat rief zurück.

     Kehrreim:
     Mein kleines Mägdelein, sag doch nicht immer nein
     komm, zieh mit mir zum schönen Niederrhein!
     Lass deine Heimat am Meeresstrand
     und fahr mit mir in's Samt- und Seideland!

     Das strohblonde Mädel auf Norderney reichte mir die Hand:
     Bei unserer Liebe spricht zweierlei, Herz und auch Verstand.
     Denn Samt und Seide lieb ich sehr, hüll mich darin ein.
     Dann tausch ich mit mit meinem Meer das Land am Niederrhein!

       Kehrreim:
       Mein kleines Mägdelein ...........

      Es lebt heut am herrlichen Niederrhein froh ein junges Paar.
      Ein Leben in Liebe und Sonnenschein, glücklich, treu und warh!
      Und wenn der Alltag Sorge sieht, lächeln unsere Zwei
      singen still ihr Liebeslied, wie einst auf Norderney:

        Kehrreim:
        Mein kleines Mägdelein ............


 

Ende der 1930er Jahre bot die Firma „Robert Kahrmann & Co.“ bereits ein komplettes und umfangreiches Programm für Gas- und Sanitäramaturen an. Die Fertigung erfolgte komplett im Haus, angefangen vom Kokillenguss über die Montage, der Endkontrolle bis zur Verpackung. Die Produkte wurde damals unter dem Namen ROKA für RObert KAhrmann vertrieben. Diese Bezeichnung hat sich jedoch nicht durchgesetzt und ist bis heute weitgehend unbekannt. Bereits im Jahr 1937 wurde der typische ROKAL-Gießer im ovalen Firmenlogo verwendet. Das ROKAL-Emblem zeigt zwei Arbeiter beim Gießvorgang sowie die Initialen R K. Noch heute befindet sich dieses Logo an der Wand einer Werkshalle an der Robert-Kahrmann-Straße.

Dass eine Endkontrolle der Produkte zur damaligen Zeit anscheinend nicht selbstverständlich war, wird anhand der ersten Seite aus dem Katalog aus dem Jahr 1937 ersichtlich. Hier steht: Alle Armaturen, welche dem Wasser- oder Gasdruck unterliegen, werden auf dem Prüfstand auf Brauchbarkeit genaustens untersucht.

Für die Qualität seiner Produkte bürgte Robert Kahrmann mit seinem Namen, da er die Kataloge handsignierte.

 

Im Sommer 1938, der letzte Vorkriegssommer, machte sich eine beklemmende Stimmung im kleinen Ort Lobberich breit, viele besuchten Kirchen. Vor der Kirche standen eines sonntags  die Ortspolizisten Schlüter und Stelkens und drückten den Jungen Dienstverpflichtungen mit der Aufforderung in die Hand, Arbeitskleidung anzuziehen und am Güterbahnhof zu erscheinen.  Dort stand ein langer Güterzug mit Lebensmitteln, die entladen werden mussten. „Man“ hatte vergessen, Fahrzeuge und Mannschaften hierfür bereit zu stellen. Ein alter Ford, den die Jungen für ihre Fahrten durchs Bocholter Weg benutzten, wurde „beschlagnahmt“, die Jungen dienstverpflichtet, damit sie nun auch ohne Führerschein offiziel fahren konnten; Benzin erhielten sie so viel, wie benötigt wurde. Drei Tage haben sie Butter und Fleischkonserven gefahren und erhielten jeder 135 Mark. Es sollten jedoch denkwürdige Tage werden. Auf den Straßen marschierten unentwegt Truppen. Auf einmal wurde festgestellt, dass es sich immer um die gleichen Truppen handelte. Um den „Gegner zu bluffen“ mussten einige Einheiten den Niederrhein auf- und abmarschieren.

Im September 1938 gibt die NSDAP-Ortsgruppe Lobberich dem damaligen Bürgermeister Marx und Vorsitzenden zur Kenntnis, dass die Durchführung von Martinszügen und das Sammeln in Zukunft verboten sei.

Am 17. Mai 1939 lebten in Lobberich 7.387 Einwohner.

Am 1. 9. 1939 ließ Hitler seine Armeen in Polen einmarschieren. Der 2. Weltkrieg hatte begonnen. Ende Oktober 1939 kam die 30. Infanteriedivision mit General von Briesen in das Gebiet um Lobberich und bald gab es hier mehr Soldaten als Einwohner. Jede freie Ecke war mit Fahrzeugen, alle Ställe mit Pferden belegt. Jedes Hinterzimmer einer Gaststätte wurde zu einer Schreibstube. Schnell entwickelte sich ein gutes Verhältnis zwischen den Bürgern und den Soldaten. Durch die Einquartierungen erhielt die Landwirtschaft nach langen bitteren Jahren endlich wieder Einnahmen. Bei den meisten Bauern konnten dadurch drückende Bankschulden getilgt werden. Die Landser halfen, wo sie nur konnten. Sonntags spielte die Regimentskapelle auf dem Kirchvorplatz. Es wurde „unheimlich friedlich“. An der Westfront fiel kein Schuss, nur gelegentlich huschte ein englischer Aufklärer über das Land. Wie heute bekannt ist, haben die Engländer von Juni/Juli 1939 an monatlich das gesamte Gebiet aufgenommen. Sie wussten, was los war. Nur gelegentlich bildeten die großen Scheinwerfer der Flak (Flugabwehrkanone) einen hohen Lichtdom über Lobberich. Im Dezember wurden wie üblich Weihnachtseinkäufe getätigt.  Die Hälfte der Soldaten fuhr in Weihnachtsurlaub, während die andere Hälfte friedlich „Wache hielt“.

Eine besondere Kompanie war die Radfahrerkompanie, die am Flothend, Onnter und Leutherheide im Quartier lag. Sie bestand zumeist aus Reservisten aus Elmshorn, Neumünster, Hamburg und Bremen.  Zu ihnen gehörten drei Jungs, die in der Barkapelle des Luxuxdampfers „Bremen in der Barkapelle spielten. Sie spielten bei Ludwigs zum Tanz: Swing, Jazz, Broadwaymelodien, die neuesten amerikanischen und englischen Schlager. Den Nazis war dies ein Dorn im Auge. Sie pöbelten nicht nur die Besucher an: „Negermusik – unerhört, eine deutsche Frau gehört da nicht hin!“. Die Pöbeleien blieben nicht ohne Folgen. Es kam zu Schlägereien, bei denen die Nazis den Kürzeren zogen. Der Ortsgruppenleiter verlangte die Bestrafung der Schuldigen. Die Kompanie musste antreten, die Nazis konnten jedoch niemanden erkennen. Mit salbungsvollen Worten forderte der Kompaniechef seine Landser auf, Schuldige zu melden, doch niemand wurde „beschuldigt“, da die Soldaten ihre wirklichen Gegner „erkannten“.

Bald häufte sich der Alarm. Die Truppen verschwanden in den Grenzwäldern. Am 10. Mai 1940 wurde Venlo besetzt. Bei den Kampfhandlungen wurde die Brücke über die Maas gesprengt. Auf ihr starben Soldaten, die in Hinsbeck-Hombergen im Quartier lagen. In der Nacht fielen die ersten Fliegerbomben in Kaldenkirchen. Viele Jugendliche fuhren aus Neugier am Morgen mit dem Rad nach Kaldenkirchen, um gleich den ersten Schock zu bekommen. So also sah der Krieg aus: Zerstörte Häuser, zerfetzte Menschen und Tiere. Im September 1944 steigerte sich nochmals das Kriegsgeschehen. Dem Amtsgericht in Lobberich wurde angezeigt, dass bei dem Fliegerangriff in der Nacht vom 11. zum 12. Mai 1940 gegen 0.15 Uhr durch Fliegerbomben folgende Personen getötet wurden: Eheleute August und Anna Maria Drießen (die beiden Töchter Gertrud Croonenberg geborene Drießen und Christine Nothen geborene Drießen, die die zerfetzten Körper ihrer Eltern ansehen mussten, berichteten vor zehn Jahren: „Keiner hat in der Nacht Schlimmeres erlebt als wir. Ein solches Gefühl wird niemals hart, es bleibt ewig weich und tut immer wieder weh“), Kurt Heinrich Peters, Peter Wolters, Wilhelm Johann Dreeßen, Frieda Zimmer, Katharina Linne von Berg, Horst Jongmanns, der am 13. Mai im Krankenhaus Kaldenkirchen verstarb.

In der Nacht vom 11./12. Mai 1940 fielen in Höhe des jetzigen Werner-Jaeger-Gymnasiums die ersten Bomben. Ab 1942 wurde der Unerricht sogar am Morgen durch Fliegeralarm gestört. Dann "ging es in den Keller", wo man bis zur "Entwarnung" ausharrte.
Im Jahre 1941 wird Matthias Schmelzer Pfarrer in Lobberich.  Ab 1943 flogen die schweren viermotorigen Liberator, Lancaster u. a. in Riesenschwärmen über Lobberich weg, um ihre Bomben auf die Städte des Ruhrgebietes abzuwerfen.

                        
                                    Engl. Bomber "Lancaster" über Duisburg

Es gab anfliegende Verbände mit bis zu 1000 Maschinen. Als Krefeld beim Nachtangriff vom 21./22. Juni 1943 von über 660 viermotorigen Bombern schwer getroffen wurde, starben innerhalb einer einzigen Stunde im Hagel von 2000 t Bomben über 1000 Menschen, 9349 waren verwundet.

                    
                         St. Töniser Straße in Krefeld nach dem Bombenangriff 1943


Während des zweiten Weltkriegs wurde die Firma Robert Kahrmann in die Produktion kriegswichtiger Güter einbezogen. Allerdings gibt es nur wenige Dokumente aus dieser Zeit, da alles streng geheim war und nach dem Krieg fast alle Unterlagen vernichtet wurden. Gesichert ist, dass Zünder oder Zündergehäuse aus Druckguss und Stanzteile gefertigt wurden. Die Stammbelegschaft bestand aus etwa 20 Personen. Hinzu kamen nochmals 20 Zwangsarbeiter aus Russland und Polen, die in eigens gebauten Baracken untergebracht waren. Diese dienten noch Jahre nach dem Krieg als technisches Büro, Kantine und Krankenstube. Schon während des Krieges gab es eine Verbindung zur Deutschen-Vergaser-Gesellschaft DVG in Berlin und eine Zusammenarbeit mit den dortigen Mitarbeitern Prof. Pierburg und Paul Schönefeld. In Lobberich wurden Vergasergehäuse aus Druckguss gefertigt und nach Berlin geliefert, wo die Endmontage stattfand. 

Die letzte Einquartierung in Lobberich im Winter 1944/45 waren Fallschirmjäger, die einen Frontabschnitt bei Roermond an der Maas verteidigten. Es handelte sich um einen Trupp, dem die Instandhaltung der Fahrzeuge und Geräte der Einheit oblag, wozu ihm der Landmaschinenbetrieb Friedrichs zugewiesen war. Ansonsten war es in Lobberich wie in den näher zur Grenze hin gelegenen Dörfern. Die diesseits der Nette erbauten Mannschafts- und Kampfbunker waren längst mit Grün getarnt und dienten der Bevölkerung als Luftschutz bei Fliegeralarm. Die "Evakuierung" genannte "Flucht aus der Heimat" war im vollen Gange; unermüdlich gingen die "Blockwarte" von Haus zu Haus, um die Einwohner zum Auszug zu bewegen. Angesichts der unsere Straßen passierenden Flüchtlinge aus dem grenznahen Hinterland, die auf Fuhrwerken, Wagen, Fahrrädern und selbst zu Fuß gen Osten zogen, entschlossen sich dann doch manche zur Abreise in der Hoffnung, dadurch dem Krieg auszuweichen. Schätzungsweise waren in der kritischen Nacht zum 1. März 1945 nur noch ein Drittel der Einwohner in Lobberich. (Arnold Frank)


Bis dahin war die Gemeinde Lobberich, was direkte Kriegseinwirkung anbelangte, gnädig davongekommen. Ein feindlicher Pilot hatte auf den Schliebecker Höhen (Grefrather Berg) notlanden müssen ohne größeren Schaden anzurichten, das Bahnhofsgebäude lag zeitweilig unter Artilleriebeschuss, der aber keine nennenswerten Treffer hinterließ und was an Bomben auf Lobbericher Gebiet niedergng, fiel in die ländliche Umgebung. Dann kam am 19. Februar 1945, einem sonnigen Vorfrühlingstag, die große Katastrophe.

Arnold Frank berichtete u.a.: "Wenige Minuten nach halb eins sahen wir ein von Nordosten kommendes Ungetüm, einem Flugzeug ähnlich, mit flammendem Schweif herannahen, dessen Richtung im Bogen zum Kirchhof ging. Hier erlischt der Feuerstrahl, der heulende Koloss ändert seinen Kurs mit einer scharfen Kurve, geht bodenwärts, und Sekunden später erschüttert ein ungeheurer Stoß die Erde. Fast alle Fensterscheiben zerspringen, Ziegel prasseln von den Dächern, erschreckte Menschen rennen auf die Straße und sehen eine finstere Wolke aus Feuer und Rauch im Westen hochgehen..... Ein defektes V1-Geschoss hatte seine Bahn verlassen und war auf der unteren Hochstraße eingeschlagen. Als die Explosionswolke sich verzog, bot sich den Herbeieilenden ein schauriges Bild des Grauens und der Verwüstung.  Auf der Straße und zwischen den Trümmern lagen nackte Leichen, denen der unvorstellbare Luftdruck die Kleider vom Körper gerissen hatte, das Hotel Köster und drei Nachbarhäuser waren dem Erdboden gleichgemacht, die weiter abliegenden zum Teil schwer beschädigt, viele Dächer abgehoben und im weiten Umkreis keine Fenster mehr heil In den Bäumen des Ingenhovenparks hingen Kleiderfetzen und Eingeweide; von einem Pferdegespann fanden sich nur die Köpfe der beiden Pferde, von den zwei Soldaten, die vor dem Eingang des Hotels Decken aufluden, blieb keine Spur - auch nichts von ihrem Gefährt. Sofort setzte die Bergung der Toten und Verletzten durch freiwillige Helfer ein, aber diese Arbeit gestaltete sich zwischen den Gebäudetrümmern überaus schwierig und gefährlich durch nachstürzendes Gestein.  Eine Frau, die noch einmal das Tageslicht erblickte, wurde bei dem Versuch, ihr einen Ausgang aus dem Keller zu verschaffen, verschüttet. Die Unglücksstelle war glühend heiß, un die Feuerwehrleute mussten immer wieder Wasser spritzen, um die Hitze erträglich zu machen. Da es bis zum Abend nicht gelang, die letzten Vermissten zu bergen, wurde die Nacht durch bei Scheinwerferlicht weitergearbeitet, doch blieb eine Mutter mit ihrem Kind noch verschollen. Ihre Leichen fand man zwei Monate später im Kellergewölbe des Hotels Köster."

           
                                   Das zerstörte Hotel Köster von der Parkseite her

Am Turm der neuen Pfarrkirche hatten sich durch die Explosion schwere Steinteile gelöst, die das Gewölbe des rechten Seitenschiffs durchschlugen. Auf der Südseite war die Fensterverglasung zerstört. Im linken Seitenschiff kam nachträglich während des Gottesdienstes noch eine Frau durch herabstürzendes Gestein zu Tode. Die Turmuhr war afu 12:33 Uhr stehen geblieben. Zum Gedenken an die 25 Opfer dieser Katastrophe seien die Namen hier erwähnt: Josef Caelers (66), Mechtilde Caelers (57), Christa Geppert (7), Gertrud Heghmanns (21), Emilie Heks (18), Josef Köster (63), Mathilde Therese Köster (63), Irma Mülleneisen (57), Karl Peuten (36), Herbert Peschkes (14) Anneliese Steinwergs (17), Gerhard Thomas (63), Gertrud Thissen (77), Georg Walter (79) Elisabeth Weber (44), Gisela Zillessen (7), Magdalena Rütten (37), Anneliese Rütten (7) und Christine Jansen (66), die in der Kirche verunglückte. Neben diesen Lobbericher Opfern gab es noch Opfer aus anderen Gemeinden: Walter Wenke (45) aus Oedt, Katharina Schuren (14) aus Schaag, Karl August Lingenberg (67) aus Krefeld, Gertrud Wilhelmine Leuchtenberg (42) aus Düsseldorf, Kurt Fürwentsches (44) aus Dülken und Margareta Wefers (42) aus Leuth.

Die Zahl der ums Leben gekommenen Soldaten blieb Militärgeheimnis, sie wird auf zehn geschätzt, da zu der Zeit ein Lehrgang im Hotel Köster lief, waren es vermutlich mehr."


Auch die Nachrichten, die Prof. Dr. Max Haas aus Berlin mitbrachte, verhießen nichts Gutes. Als Mitglied des Oberkommandos der Wehrmacht und Wehrwirtschaftsführer kannte er viele Details über die wirkliche Lage. In dieser Zeit rief Hitlers Rüstungsminister Speer eine Geheimkonferenz der Wirtschaftsführer ein und erklärte: „Meine Herren, der Krieg ist längst verloren. Wir stehen vor der völligen Vernichtung unserer Industrie! Retten Sie, was zu retten ist. Bringen Sie ihre wichtigsten Unterlagen, Konstruktionszeichnungen und Forschungsergebnisse an mehreren Stellen im Reich in Sicherheit. Aber nicht nach Osten über die Oder und nicht nach Westen über den Rhein. Mehr kann ich nicht mehr tun! Alles Gute!

Prof. Haas und Bernhard Pierburg waren zu dieser Schicksalssitzung eingeladen und handelten. Haas beschwor nun Pierburg entgegen der Speerschen Meinung, nach Westen über den Rhein zu gehen und alle wichtigen Unterlagen im Hause seiner Mutter in der Kempener Straße in Lobberich einzumauern. Die Unterlagen der Solex-Vergaser-Fabrikation konnten trotz des Bombenkrieges nach Lobberich gebracht werden.

Im Februar 1945 stand der "Volkssturm I" tagelang "unter Alarm". Nacht für Nacht rollten Truppenverbände, die sich vom Feind absetzten, durch Lobberichs Straßen. Der "Volkssturm IV" - das allerletzte Aufgebot, wurde aufgerufen, sich auf dem Sammelplatz bei der Burg Ingenhoven zu treffen. Schanzer waren damit beschäftigt, Löcher für eine Panzersperre auszuheben. Es kam keine Zeitung mehr und für Licht und Radio fehlte der Strom, also heulten auch die Sirenen nicht mehr. Am 26. Februar nahm die Beschießung Lobberichs ihren Anfang. Der Ort lag im Scheinwerferlicht, die Straßen waren menschenleer, nur das Krachen der einschlagenden Geschosse war zu hören.  Am nächsten Morgen war vom oberen Sittard bis zum Ortskern jedes zweite Haus frontal mehr oder weniger schwer beschädigt; viele im Innern vollständig zertrümmert. Vom Ortskern bis zur Höhe der Breyeller Straße waren die meisten Treffer auf der Hofseite eingeschlagen, ebenso auf der parallel laufenden Jahnstraße (heute: Steegerstraße). Der Wasserturm zeigte allein fünf Treffer, die alte Kirche wurde durch den Beschuss fast zur Ruine. Die de-Ballsche Fabrik am Nordrand von Lobberich wurde vermutlich deshalb in Brand geschossen, weil in ihren Räumen der Volkssturm I sein Standquartier hatte.

      
                   Die alte Lobbericher Pfarrkirche nach dem Beschuss im Jahre 1945

Dann kam eine endlose Kolonne schwerer Panzer und rollte über die Hochstraße in Richtung Hinsbeck. Auf der Boisheimer Straße wurde eine Frau durch einen Geschoss-Splitter tödlich getroffen, in Dyck hatte ein Posten einen 14jährigen Jungen erschossen, am Eingang der Wevelinghover Straße lat ein toter deutscher Feldwebel. Am Nachmittag des 1. März stieg gegen 17 Uhr eine mächtige Rauchwolke mitten im Ort gen Himmel. Das Gesellenhaus (heute: Seerosensaal), dessen Hausmeisterwohnung in der Nacht ausgebrannt war, stand mit großem und kleinem Saal in Flammen. An Löschen ist nicht zu denken, da niemand auf die Straße durfte. Ab 15. März wurde die Ausgehzeit auf drei Stunden verlängert. Am 2. März 1945 ging durch den Einmarsch amerikanischer Panzereinheiten für den hiesigen Bereich der 2. Weltkrieg zu Ende. Das Leiden hatte ebenfalls ein Ende. Lobberich zählte 279 Kriegstote, hinzu kamen viele Vermisste.

Die Engländer setzen im Jahre 1946 Clemens Boetzkes als Bürgermeister von Lobberich ein nachdem der bisherige Bürgermeister Leo Marx zunächst suspendiert, später dann pensioniert wurde.

                             
                               Bürgermeister Clemens Boetzkes
                                    * 12.11.1893 in Lobberich


Der Lobbericher Bürger Christof Mülleneisen wird durch den Kreiskommandanten Major Larson zum Landrat ernannt. Am 7. Mai 1945 gaben die Alliierten bekannt: die deutsche Wehrmacht hat kapituliert, der Waffenstillstand ist unterzeichnet.
Auch der St.-Martins-Verein Lobberich wird zu neuem Leben erweckt: Die unter der NS-Zeit zurückgetretenen oder nicht mehr eingeladenen Vorstandsmitglieder wie Arthur von der Beek, Egidius Heydthausen, Alex Huenges, Paul Jansen, Josef Limmer, Anton Nonninger und Paul Peters beschließen, den Verein 1945 neu aufleben zu lassen. Der Rahmen des ersten Festes war bescheiden, da weder Fackeln noch Kerzen in ausreichender Zahl und Zu-cker gar nicht vorhanden waren. Die Bescherung konnte ausschließlich mit Stuten erfolgen, dafür mussten die Kinder ihre Brotmarken abgeben. Neben der Haussammlung fand jährlich eine Getreidesammlung bei den Ortsbauern statt.

Nach dem Krieg begann auch in Lobberich der Wiederaufbau. Rund um den alten Stadtkern entstanden neue Wohngebiete und Schulen. Die ersten Wohnblocks entstanden, um den einströmenden Menschen Wohnraum zu geben.

Die Firma „Robert Kahrmann & Co.“ blieb vom Krieg verschont und die Maschinen wurden von den Besatzungsmächten nicht demontiert. Trotz Schwierigkeiten bei der Materialbeschaffung lief die Produktion bald nach Kriegsende wieder auf Hochtouren und Anfang 1946 wurden 60 Personen beschäftigt. Produziert wurden neben sanitäre Armaturen auch Druckknopfspüler für Toiletten und Rasierapparate aus verchromtem Zinkblech. Zu dieser Zeit trat Werner Grodde, einer der späteren Schwiegersöhne Robert Kahrmanns, in die Firma ein. Ihm verdankt die Firma den wirtschaftlich größten Erfolg im Bereich der Armaturenfertigung.

Wohl aufgrund der bereits bestehenden Zusammenarbeit mit der Deutschen Vergaser Gesellschaft nahm die englische Militärbehörde Kontakt mit Robert Kahrmann auf, um eine Vergaserproduktion für Volkswagen in Wolfsburg aufzubauen. Der Vergaserspezialist Paul Schönefeld kam 1946 von Berlin nach Lobberich und Professor Pierburg, der die Patentrechte für Vergaser besaß, kam aus Kriegsgefangenschaft frei. Seine Patente wurden in Abstimmung mit den französischen Geschäftspartnern SOLEX in Paris auf einen international gültigen Stand gebracht. Noch vor der Währungsreform 1948 konnten die ersten Vergaser aus Lobberich an das Volkswagenwerk geliefert werden.

Das Krankenhaus in Lobberich wurde erweitert. Der Ortskern veränderte sich. Die alten Kastanienbäume am Rathausmarkt waren in den kalten Wintern 1946/47 und 1948 gefällt und verheizt worden. Die Volkszählung im Oktober 1946 ergab, dass in Lobberich 8.268 Einwohner lebten. Arnold Kirchhofer wurde 1948 zum neuen Bürgermeister von Lobberich gewählt, der 1951 von Johannes Hegger abgelöst wurde.

                
                   Bürgermeister Arnold Kirchhofer  Bürgermeister Johannes Hegger
                    * 02.06.1897                            * 29.07.1910


Die erste Zeit nach dem Krieg war hart und grausam. Alle von den Nationalsozialisten eingesetzten Funktionsträger wurden ihrer Ämter enthoben, und die Regierungsgewalt übernahmen zunächst die amerikanischen Militärbehörden.

Robert Kahrmann suchte 1949 einen kurzen griffigen Namen für seine Firma und deren Produkte. In Anlehnung an die Produktbezeichnung ROKA aus den 1930er Jahren entschied er sich für den Namen ROKAL, bei dem neben seinen Initialen RObert KAhrmann noch der Standort der Firma, Lobberich einbezogen wurde. Der Firmenname wurde zunächst von „Robert Kahrmann & Co.“ in „ROKAL GUSS- und ARMATURENWERK GmbH“ geändert. Ab 1953 hieß die Firma nur noch „ROKAL GmbH“. Durch die explosionsartige Entwicklung des Unternehmens in allen Produktionsbereichen war das ehemalige Firmengelände in den früheren Remisen und Ställen von Haus Erlenbruch mittlerweile viel zu klein geworden und so entstand im Laufe der Jahre an der Bruchstraße, heute Robert-Kahrmann-Straße ein weitläufiges Firmenareal von etwa 100.000 Quadratmeter Fläche. Die Finanzkraft, die sich aus den erfolgreichen Unter- nehmensbereichen ergab, ermöglichte den überaus schnellen Aufbau einer Modelleisenbahn Abteilung. Ein gewisser Eugen Engelhard hatte Robert Kahrmann 1946 dafür begeistern können und so wurden alle technischen und personellen Grundlagen geschaffen, aus dem Nichts eine konkurrenzfähige Modellbahn zu produzieren. Bei allem spielerischen Ambiente - in jedem Mann steckt ein Lokomotivführer - standen für Robert Kahrmann die wirtschaftlichen Aspekte im Vordergrund. Das „Bähnchen“, wie es von den ROKALern liebevoll genannt wurde, sollte nach einer Anlaufphase profitabel sein.

In diese Zeit fiel auch der Wiederaufstieg der Firma Niedieck und der couragierten Leitung von Erich Selbach. Niedieck-Brillant-Samt wurde weltweit ein Begriff – nicht nur in der Modebranche. Anlässlich des 100. Geburtstages der Firma Niedieck im Jahre 1955 beschloss der Gemeinderat "als Ausdruck der Dankbarkeit an Gründer, Vorstand, Werkleitung und Belegschaft der Firma Niedieck & Co. AG und der Anerkennung dafür, dass die Firma ein ganzes Jahrhundert Lobbericher Heimatgeschichte mitgeprägt hat" die Bahnstraße in "Niedieck-Straße" umzubenennen. Dr. Theo Optendrenk und Gerta van Beek-Optendrenk haben in ihrem Buch "Samt und Seide" die Geschichte der Lobbericher Textilindustrie (darin auch die Firmengeschichte von Niedieck und de Ball) in hervorragender Form ausgearbeitet und im Auftrag des VVV e.V. Lobberich herausgegeben.

               
                                                   Samtweberei 1955

1948 übernahm Peter Werth (ab 1952 - 1973 Dechant) die Position des Pfarrers.

                                   
                                                 Dechant Peter Werth
                                           * 27.05.1900 in Köln
                                           + 05.04.1991 in Lobberich
                                            Pastor in Lobberich 1948-1972
                                            Dechant 1953
                                            Domkapitular in Aachen 1968

Die reizvollen landschaftlichen Gegebenheiten boten nach dem Zweiten Weltkrieg letztlich die Voraussetzung zum Aufbau des Fremdenverkehrs. Nachdem Lobberich im Jahre 1950 vom nordrhein-westfälischen Innenminister zur „Fremdenverkehrsgemeinde“ erklärt worden war, erhielt dieser Erwerbszweig erneuten Auftrieb, als in den sechziger Jahren die „Seenstadt am Niederrhein“ in den regionalen Bereich des Naturparks Schwalm-Nette einbezogen wurde. Von 1952 bis 1954 war Heinrich Pötter Bürgermeister in Lobberich, der dann von Hein Nicus abgelöst wurde, der das Amt bis 1970 innehatte.

                       
                         Bürgermeister Heinrich Pötter          Bürgermeister Hein Nicus
                             * 05.04.1895 Lobberich             * 12.01.1910 Lobberich
                                                                           + 21.08.1973 Lobberich
                                                                        - während seiner Amtszeit wurde
                                                                                Lobberich Stadt -

Seitdem die Mitgliederzahl der evangelischen Gemeinde in Lobberich, Breyell und Hinsbeck in den Jahren zuvor auf 2.000 Personen angewachsen war, bemühte sich das Presbyterium um den Neubau einer Kirche. Das alte Gebäude der Gemeinde an der Friedrichstraße war den räumlichen Anforderungen nicht mehr gewachsen. Neben der Finanzierung stellte auch die Suche nach einem geeigneten Bauplatz ein Problem dar. "Das Presbyterium hat den verständlichen Wunsch, die neue Kirche in der Nähe des Pfarrhauses und der jetzigen Kirche zu errichten" hieß es im Juli 1954 in den Grenzland Nachrichten.

                  

Das alte Kirchengebäude sollte später neue Zwecke erfüllen, unter anderem waren Räumlichkeiten für die Jugendarbeit vorgesehen. "In der Wahl des Baugeländes tragt der Platz an der Jahnstraße (sogenannter Brinkplatz) zweifellos die Nummer 1." Diese Jahnstraße trägt heute den Namen Steegerstraße, beherbergt nun ebenfalls das Arbeitsamt und das Amtsgericht. Man erhoffte sich durch die Wahl dieses Platzes eine Belebung des Stadtbildes, da in dieser Gegend bis zu diesem Zeitpunkt nur Wohnhäuser standen. Zudem wäre die neue Kirche unmittelbar neben dem Pfarrhaus gelegen. Eine andere Möglichkeit war die Bebauung der Grundstücke Dohmes-Straeten, welche sich als schwieriger herausstellte. Man hätte zunächst die privaten Grundstücke erwerben müssen, wohingegen der Brinkplatz bereits Gemeindeeigentum war. Das Problem bestand nun darin, dass mit dem Brinkplatz einer der drei Kirmesplätze wegfallen würde, welche ohnehin als nicht geräumig genug betrachtet wurden. "Die generelle Lösung dieser Fragen liegt bekanntlichfür die Verwaltung einzig und allein in der Schaffung eines großen, neuen Markt- und Kirmesplatz auf dem sogenannten Stöppken. "Dies sollte aus der damaligen Sicht der Gemeinde einmal der Ortsmittelpunkt werden. Es wartete also eine Menge Arbeit auf den Rat, denn "das kleine Gotteshaus an der Friedrichstraße kann die Gläubigen nicht fassen, die Fragen drängen zur Klärung. Auf die Entscheidung des Rates der Gemeinde hinsichtlich der Platzfrage kann man daher mit Recht gespannt sein".

Auf dem am 16. Januar 1956 stattgefundenen Probeabend des MGV „Hoffnung" 1863 wählten die Mitglieder für ihre weitere Vereinstätigkeit die Gaststätte „Ewige Lampe" (Willi Kreuels) als Vereinslokal. Der Verein fühle sich nach langen Ueberlegungen zu diesem Schritt gezwungen, da dem Verein durch den Verkauf des Saales des bisherigen Vereinslokals, Hotel Dammer, die Probemöglichkeit genommen worden sei. Das Vereinsleben der "Hoffnung" als ältesten, aktiven Lobbericher Gesangsvereins hat sich - nach den Aufzeichnungen des Chronisten - in den verschiedensten Lobbericher Gaststätten abgespielt.

Gegründet wurde der Verein bekanntlich in der alten Hasenkox'schen Wirtschaft auf der Sassenfelder Straße (dort wo  die Gaststätte „en tet Broekske" stand) doch wählte man damals die Wirtschaft Rollbrocker (heute Doerkesstift in der Kempener Straße) zum 1. Vereinslokal. Als die Gaststätte dort aufgehoben wurde, verlegte man das Vereinslokal zur Wirtschaft Martin Brackelmanns am Markt und später nach Johann Brackelmanns auf der Kempener Straße. Eine langjährige Heimstätte (1872-1885) fand der Verein bei Heinrich Zanders am Busch (heute Sanitätshaus Janßen, Süchtelner Straße). Von 1885 bis zum Jahre 1945 hat der Verein mit kurzer Unterbrechung (1929-1932, Hotel Kessels -Bellenberg), also weit über 50 Jahre in der „Ewige Lampe" gastiert. Im Jahre 1945 wählte man, das Hotel Straeten auf dem Markt als Vereinslokal, wo der Verein bis zur Vermietung des Lokals an das Möbelgeschäft Hegholz im November 1953 blieb. Für die weitere Vereinstätigkeit zog man dann in das Hotel Dammer (heute Hotel Stadt Lobberich) auf der Hochstraße und nunmehr nach dem jüngsten Beschluß der Mitglieder wieder in die „Ewige Lampe", wo inzwischen die Probeabende aufgenommen worden sind.



                  
              Die neue evangelische Schule im Jahre 1957 (Sassenfelder Kirchweg gegenüber
                                                     dem Krankenhaus)

           
                                           Der Lobbericher Bahnhof im Jahre 1953

Im Jahre 1955 wurde der Stromliefervertrag mit den RWE bis zum Jahre 2000 erneuert. 1961 wurde beschlossen, ein neues Wasserwerk zu bauen.

Im September 1961 wird "et Bührke", ehemaliger Rittersitz Broeck, Hof te Broke, geldrisches Lehen, abgerissen und an seiner Stelle entsteht das Kahrstadt-Kaufhaus.

Im September 1962 gab der Verkehrs- und Verschönerungsverein eine Liste über die Hotels, Gaststätten, Cafés und Konditoreien heraus:

Hotels, Gaststätten, Cafés und Konditoreien in Lobberich
Hotels
Dammer Hochstraße 37 Willi Dammer  
Rütten-Rang Hochstraße 1 Leo Rang  
Burg Ingenhoven Burgstraße 10 Ilse Trapp  
Gaststätten
Mehring Bahnstraße 31 Vikt. v.d.Beek  
Bongers Dyck 7 H. Bongers  
Haus Boos Breyeller Straße 31 Josef Boos  
Strandrestaurant Ludwigs Flothend 7 Hubert Brill Billard
Dohmes Marktstraße 29 Hel. Dohmes Badestrand, Kahnfahren
Erkes Dyck 12 Heinr. Erkes  
"Schänzchen" Dyck 58 Else van Erp  
Muschelhaus Berten Marktstraße 46 Erich Franke  
"Schallplatte" Neustraße 16 K. Greggersen Tanzbar
"Zur Domklause" An St. Sebastian G. Gratzke  
"Sportklause" Verbindungsstraße 1 Frieda Grawe  
Bahnhofsgaststätte Rosental 16 Karl Hartogs  
Herkenrath Friedrichstraße 12 E. Herkenrath  
"Zum weißen Haus" Dyck 47 Hans Hilgers  
"en et Broekske" Sassenfelder Straße 66 Agnes Jansen  
"Ratsstube"
Markt 40 Luzia Kath  
"Heidekrug" Bleichstraße 48 Barbara Koch  
Kohnen Bahnstraße 163 Jakob Kohnen Billard
"Ewige Lampe" Hochstraße 57 Willi Kreuels Billard
Bauernstube Sittard 14 Emil Küsters  
"Wilhelmshöhe" Dyck 51 Emma Kunst  
"Jägerhof" Sassenfeld 57 H. Odenbach  
Königsburg Breyeller Straße 95 Karl Peltzer Seeklause
Kreuels Marktstraße 14 M. Prophete  
Rex Boisheimer Straße 14 Hans Rex  
"Poststübchen" von-Bocholtz-Straße Maria Rietzke  
Roggen Boisheimer Straße 27 Peter Roggen  
Haus Rosental Rosental 21 H. Scholtes Gartenwirt.
"Op den Tömp" Süchtelner Straße 35 Josef Schuld  
Tophoven Süchtelner Straße 59 J. Tophoven Tanzbar Taverne
Kolpinghaus Jahnstraße 38 Willi Schoofs  
"Zum Amtsgericht" Jahnstraße 15 H. v.d.Weydt  
Strandhaus "Zur Soup" Sassenfeld 30 Wittenbecher  
"den Tuddel" Breyeller Straße 65
Paula Schiffer  
Zanders Kempener Straße 42 H. Zanders  
Cafés, Konditoreien
Houcken Niedieckstraße 3 Joh. Houcken  
Seeger An St. Sebastian 2 Egon Seeger  
       
       





                
                         Luftaufnahme Lobberich um 1955 (im Vordergrund die ROKAL-Werke)

                 
                                                 Samtweber 1955 bei Niedieck               

Nachdem im Jahre 1956 das alte "Capitol"-Kino zunächst zu  einem Möbelhaus ,später "Discont-Max" umfunktioniert wurde, errichtete Arnold Straeten (Enkel des Arnold Janssen) an der von-Bocholtz-Straße ein neues Kino "ASTRA". Die "Grenzlandnachrichten" berichteten: "Lobberich. Mit dem Ablauf des Monats Mai hat eine der bekanntesten und ältesten Gaststätten in Lobberich, das Hotel Heythausen am Markt, Besitzer Eheleute Willi Straeten, die Tore geschlossen. Die bisherigen Gasträume wurdenan den Schreinermeister Rudolf Hegholz verpachtet, der die gesamten Räume für eine Möbelausstellung umgestaltet hat. Die Konzession wird aber diesem alten Gasthause, wie hierzu von autentischer Seite mitgeteilt wurde, nach den gesetzlichen Bestimmungen erhalten bleiben. (...) Der mit dem Hause verbundene große Saal diente bis zum Ende des 1. Weltkrieges gesellschaftlichen Veranstaltungen und wurde dann zu einem Lichtspieltheater umgestaltet. Die Entwicklung des Films schlechthin, seine kulturelle Bedeutung und die vor und nach dem zweiten Kriege `mmer größer werdenden Besucherzahlen verlangten geradezu von den Besitzern der Kinos eine fortschrittlichste Einstellung hinsichtlich des inneren und äußeren Ausbaues, so wie der eigentlichen Gestaltung der einzelnen Lichtspieltheater. Diesen zeitbedingten Notwendigkeiten dürfte das Besitzer-Ehepaar Straeten mit dem örtlichen Capitol-Theater, was der jünsten Geschichte des Hauses zugeschrieben werden muß, in geradezu hervorragender Weise nachgekommen sein."

Ab 15. Juli 1963 wurde die eigene Gaserzeugung eingestellt. Das Gas wurde nun von der Ruhrgas AG über eine Fernleitung bezogen.

              
        "Am Stern" (heute: Kreisverkehr Steeger-/Niedieck-/Wevelinghover-/Sassenfelder Straße)
                                                        um 1965

Aus Anlass des 40jährigen Dienstjubiläums von Dechant Peter Werth am 11. August 1963 kam es zur Gründung eines Kuratoriums Lobbericher Vereine, das sich auf die Finanzierung eines Orgelneubaues für St. Sebastian zum Ziel setzte. Im zweiten Weltkrieg wurde die vorhandene Orgel erheblich beschädigt. Hinzu kam, dass das Werk in beträchtlichem Umfang vom Holzwurm befallen worden war. Nach dem Krieg wurden Überlegungen, umfassende Renovierungsmaßnahmen durchzuführen, nach eingehender Prüfung des Zustandes der Orgel von Sachverständigen nicht gutgeheißen. Gestützt auf ein Gutachten des Aachener Domorganisten Herbert Voß entschied sich der Lobbericher Kirchenvorstand im September 1963 für das Angebot der Firma St. Willibrord in Merkstein bei Aachen, für den Orgelneubau. Neben dem inzwischen gegründeten "Kirchenbauverein", der 45.000 DM in die Finanzierung einbrachte, kamen aus der Lobbericher Bevölkerung weitere 55.000 DM zusammen. Damit war die Finanzierung des Orgelneubaus gesichert und die neue Orgel wurde Ende September 1967 fertiggestellt. Innerhalb eines Jahres kam der Westdeutsche Rundfunk dreißigmal (!) nach Lobberich, um mit namhaften Künstlerpersönlichkeiten Aufnahmen einzuspielen.

                               
                                         Die von-Bocholtz-Straße 1965 war zu der Zeit
                                                           noch voll befahrbar

                              
                                      Hochstraße / Ecke Marktstraße Anfang der 60er Jahre

1964 nahm das neue Wasserwerk im Maarfeld (zwischen Sittard und Dyck) nach und nach seinen Betrieb auf. 

Ab Freitag, dem 7. August 1964, darf die Gemeinde Lobberich die Bezeichnung "Stadt" führen. Die "Taufe" wurde vollzogen  bei einem Festakt im Astra-Theater, zu dem prominente Gäste kamen. Der Innenminister und stellvertretende Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen, Willy Weyer, überreicht die Urkunde Bürgermeister Hein Nicus. Zu dem Festakt waren etwa 700 Personen eingeladen worden. Die beschränkten Raumverhältnisse liessen es nicht zu, jeder interessierten Bürger die Teilnahme zu ermöglichen. Einladungen waren so getroffen worden, dass ein repräsentativer Querschnitt der Bevölkerung an dem Festakt teilnehmen konnte. Für alle Bürger, die keinen Einlass finden konnten, war durch eine Lautsprecheranlage die Möglichkeit gegeben, vor dem Astra-Theater den Ansprachen, Musuk- und Liedvorträgen zuzuhören. Ihr Kommen zu dem Festakt hatten die Vertreter verschiedener Landesbehörden zugesagt. Der Präsident der Bezirksregierung, Kurt Baurichter, hatte sein Erscheinen zugesagt, ebenso der Kommunaldezernent der Bezirksregierung, Dr. Griese, aus der Kommunalgbteilung des Innenministeriums Ministerilaldirigent Dr. Eising, leitender Ministerialrat Dr. Grafe, Oberregierungsrat Dr. von Lobell und der persönliche Referent des Innenministers, Regierungsassessor Holthaus. Der Bundestagsabgeordnete unseres Kreises, Mathias Hoogen, kam ebenfalls nach Lobberich, mit ihm der Landtagsabgeordnete Adolf Bex und der Stellvertreter des Landrats, Ecken. Den Bischof von Aachen vertritt Ehrenidomherr Gerhard Frenken, die evangelische Kirche im Rheinland wird durch Pfarrer Lagemanns repräsentiert. Für den Nordrhein-Westfällschien Städtebund war der Präsident, Dr. Georg Berkenhoff, in Lobberich, Grußworte des Gemeindetages Nord-Rhein überbringt Assessor Dahin. Oberschulrat Hassbach vom Schulkollegium Düsseldorf, Dipl. Ing. Hermelbracht, der Vorsitzende des Krefelder Arbeitsamtes und die Leiter verschiedener hoherer Behörden hatten ihr Erscheinen zugesagt. Vertreten waren selbstverständlich neben dem Oberkreisdirektor auch die Bürgermeister und Gemeindedirektoren der Nachbargemeinden und Leiter verschiedener öffentlicher Institutionen in Lobberich.

                                        
                                       Die Verleihungsurkunde über die
                                           Stadtrechte für Lobberich

Im Jahre 1966 wurde das alte Gaswerk an der Wevelinghover Straße abgebrochen. Der 30 m hohe Schornstein wurde Stein für Stein abgetragen. 1967 erfolgte die Umstellung die Ferngasbezugs von Kokerei- auf Erdgas.

                              
                                         Die alte Kirche im Jahre 1965

 
              Der ehemalige Brockerhof ("et Bürke") in Lobberich um 1960

Die junge Stadt gab bereits 1970 ihre Eigenständigkeit auf, als sie im Zuge der kommunalen Neugliederung in der neugeschaffenen Stadt Nettetal aufging, die aus dem Gemeinden Lobberich, Breyell, Hinsbeck, Kaldenkirchen und Leuth gebildet worden war. Innerhalb dieser 84 qkm umfassenden und über 37.000 Einwohner zählenden Stadt wurde der neue Ortsteil Lobberich – nicht zuletzt auch wegen baulicher Gegebenheiten – Sitz des Stadtdirektors, des Bürgermeisters und der Hautpverwaltung.