Manfred Albersmann

Die Sparkasse im Zweiten Weltkrieg

Am 1.9.1939 ließ Hitler seine Armeen in Polen einmarschieren - der 2. Weltkrieg hatte begonnen. Anders als zu Beginn des 1. Weltkrieges herrschte keine Begeisterung, eher Beklommenheit. Einen Abend nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Holland, in der Nacht vom 11. auf den 12. Mai 1940 fielen in Höhe des jetzigen Werner-Jäger-Gymnasiums die ersten Bomben in Lobberich. Ab 1942 gab es häufig Fliegeralarm. Ab 1943 flogen die schweren Bomber der alliierten Verbände über Lobberich weg, um ihre Bomben auf die Städte des Ruhrgebiets zu werfen. Als Krefeld beim Nachtangriff vom 21./22. Juni 1943 von über 660 Bombern schwer getroffen wurde, gab es über 1.000 Tote und fast 10.000 Verwundete.

Mit dem Fortschritt der Kriegsereignisse wurde die Arbeit in den Sparkassen allgemein, aber auch in der Sparkasse Lobberich, immer schwieriger. Nachdem die meisten wehrfähigen männlichen Arbeitnehmer an die Front abgezogen waren, machte sich zunehmend Personalnot bemerkbar. Hinzu kam später noch die spürbare Materialknappheit

Gegen Ende der dreißiger Jahre und erst recht im Krieg wurde immer mehr gespart. Auch dazu gab es keine Alternative. Die wachsenden Sparguthaben waren Ausdruck des schon aus dem 1. Weltkrieg bekannten "Zwangssparens". Mit der "Verordnung zur vorläufigen Sicherstellung des lebenswichtigen Bedarfs des deutschen Volkes" wurde der Bevölkerung die "totale Rationalisierung" beschert. Seitdem spielte Geld für den kleinen Mann keine Rolle mehr, wenigstens nicht die Hauptrolle. An Geldes Stelle traten Lebensmittelkarten und Bezugsscheine (z.B. Kleiderbezugsscheine).

  
                 Reichsfettkarte                                       Reichskleiderkarte

Auf der einen Seite standen Rüstungsproduktion und Kriegswirtschaft mit ihrem hohen Finanzbedarf. Auf der anderen Seite standen die Bilanzen der Sparkassen und anderen Kreditinstitute. Bei der Sparkasse der Gemeinde Lobberich sah das so aus:

 

1934

1938

1939

1943

1944

AKTIVA (in Tausend RM)

 

 

 

 

 

Wertpapiere

487

630

800

4.060

4.005

Bankguthaben

203

162

325

2.357

3.447

Hypothekendarlehn

676

714

661

501

353

sonstige Darlehn

440

14

13

6

 

Kommunaldarlehn

121

96

93

58

55

Gesamt

2.110

2.010

2.196

7.780

8.826

PASSIVA (in Tausend RM)

 

 

 

 

 

Spareinlagen

1.785

1.735

1.866

6.405

7.721

Depositen

112

248

289

1.217

895

Anleihen

143

 

 

 

 

Rücklagen

16

20

34

88

90

Gesamt

2.110

2.010

2.196

7.780

8.826

 

 

 

 

 

 


Hieraus ist ersichtlich, daß noch zu Beginn der NS-Zeit die Wertpapiere unter den Aktiva eine untergeordnete Stelle einnahmen, wohingegen bei allen Sparkassen - nicht nur bei der Sparkasse Lobberich - die Hypotheken als Einzelposten überwogen. Gegen Ende des Krieges hatte sich die Aktivseite vollkommen umstrukturiert. Nun dominierten überall die Wertpapiere. Obendrein waren die Bankguthaben enorm angestiegen. "Beide Posten müßten zusammengerechnet werden, um das Ausmaß der Kriegsfinanzierung zu erfassen." Dies nimmt Prof. Wysocki in der Festzeitschrift zum 150jährigen Jubiläum der Sparkasse Krefeld an und bezeichnet dies als "geräuschlose Kriegsfinanzierung".

Auch die Entwicklung der Hypothekendarlehn macht das System der Planwirtschaft besonders deutlich: Wozu hätte man auch Hypotheken gebraucht? Der Wohnungsbau war längst durch die Rohstoff-bewirtschaftung zum Erliegen gebracht worden, ebenso wie die Investitionen der mittelständischen Betriebe. Je mehr Spareinlagen anwuchsen, desto mehr Reichsschuldtitel kamen ins Effektenportefeuille der Sparkassen.

Das 75. Geschäftsjahr der Sparkasse der Gemeinde Lobberich war wohl das schwierigste Jahr in der Geschichte der kleinen Sparkasse. Gleich zu Anfang des Jahres - am 26.2.1944 - erfolgte von einem von der Polizeiverwaltung Inhaftierten verursachter Kellerbrand, der wertvollstes Buchungsgut und Spareinlagenkonten vernichtete. Alle Abschlußunterlagen der Jahre 1940 - 1942 verbrannten.

Wegen Annäherung der Front und der infolge der Einberufung des Sparkassenleiters Kuhnert zur Wehrmacht erfolgte eine Vereinigung der Leitung der Städtischen Sparkasse Kaldenkirchen und der Sparkasse der Gemeinde Lobberich. Am 26.11.1944 wurde die Kasse evakuiert. In den Räumen der Amtssparkasse Weidenau, Hauptzweigstelle Siegen in Siegen gelang es dem Sparkassenleiter Münter am 13.12.1944 eine Ausweichstelle zu errichten. Durch Fliegerschaden wurde diese Ausweichstelle betriebsunfähig. Anfang Februar 1945 wurde sie in Müsen, Westfalen wieder aufgebaut. Doch auch hier kamen die Arbeiten infolge der verschiedensten Schwierigkeiten nur schlecht in Gang. Müsen wurde am 8. April 1945 durch amerikanische Truppen besetzt. In Lobberich verblieb lediglich eine Annahmestelle, die mit Kriegsaushilfen besetzt war.

Neben dem wirtschaftlichen Chaos hatte Münter auch erhebliche personelle Probleme. So standen ihm zum Jahresabschluss 1944 noch 6 in der Mehrzahl nicht fachlich geschulte Damen zur Mitarbeit zur Verfügung. Darunter war ein weiblicher Lehrling. Alle männlichen Kollegen waren zur Wehrmacht eingezogen. Im Jahre 1944 hat weder eine Prüfung durch den Sparkassenvorstand, noch eine solche durch den Rheinischen Sparkassen- und Giroverband stattgefunden. Die Geschäftsberichte wurden im Jahre 1946 nachgeschrieben.

Lobberich war bis Anfang 1945, was direkte Kriegseinwirkung anbelangt, gnädig davongekommen. Ein feindlicher Pilot hatte auf den Schlibecker Höhen notlanden müssen ohne größeren Schaden anzrichten, das Bahnhofsgebäude lag zeitweilig unter Artilleriebeschuß, der aber keine nennenswerten Treffer hinterließ, und was an Bomben auf Lobbericher Gebiet niederging, fiel in ländliche Umgebung. Dann kam am 19. Februar 1945, einem sonnigen Vorfrühlingstag, die große Katastrophe: Wenige Minuten nach halbeins konnte Lobbericher Bevölkerung ein von Nordosten kommendes flugzeugähnliches Ungetüm mit flammendem Schweif herannahen, dessen Richtung im Bogen zum Friedhof ging. Hier erlosch der Feuerstrahl, der heulende Koloß änderte seinen Kurs mit einer scharfen Kurve, geht zu Boden und Sekunden später erschüttert ein ungeheurer Stoß die Erde. Fast alle Fensterscheiben zer-springen, Ziegel prasseln von den Dächern, erschreckte Menschen rennen auf die Straße und sehen eine finstere Wolke aus Feuer und Rauch im Westen hochgehen. Ein defektes V-1-Geschoß hatte seine Bahn verlassen und war auf der unteren Hochstraße eingeschlagen. Als die Explosionswolke sich verzogen hatte, bot sich den Herbeieilenden ein schauriges Bild des Grauens und der Verwüstung. Auf der Straße zwischen den Trümmern lagen nackte Leichen, denen der unvorstellbare Luftdruck die Kleider vom Körper gerissen hatte, das Hotel Köster und drei Nachbarhäuser waren dem Erdboden gleich gemacht, die weiter abliegenden Häuser zum Teil schwer beschädigt, viele Dächer abgehoben und im weiten Um-kreis keine Fenster mehr heil. In den Bäumen des Ingenhovenparkes hingen Kleiderfetzen und Einge-weide; von einem Pferdegespann fanden sich nur die Köpfe der beiden Pferde, von den zwei Soldaten, die vor dem Eingang des Hotels Decken aufluden, blieb keine Spur - auch nichts von dem Gefährt. Sofort setzte die Bergung der Toten und Verletzten durch freiwillige Helfer ein. Diese Arbeit gestaltete sich zwischen den Gebäudetrümmern überaus schwierig und gefährlich. Eine Frau, die noch einmal das Tageslicht erblickte, wurde bei dem Versuch, ihr einen Ausgang zu verschaffen, verschüttet. Die Unglücksstelle war glühend heiß, und die Feuerwehrleute mußten immer wieder Wasser spritzen, um die Hitze erträglich zu machen. Am Turm der neuen Pfarrkirche hatten sich durch die Explosion der V-1 schwere Steinteile gelöst, die das Gewölbe des rechten Seitenschiffes durchbrachen. Auf der Südseite war die Fensterverglasung zerstört. Im linken Seitenschiff kam nachträglich während des Gottesdienstes noch eine Frau durch herabstürzendes Gestein zu Tode. Die Turmuhr war auf 12.33 Uhr stehengeblieben. 25 Zivilpersonen kamen ums Leben, die Zahl der gestorbenen Soldaten blieb Militärgeheimnis, sie wird auf zehn geschätzt; da jedoch zu der Zeit im Hotel Köster ein Lehrgang lief, dürfte die Gesamtzahl der Getöteten eher höher sein. In der Nacht vom 27./28. Februar 1945 wird Lobberich von Artillerie beschossen. Am frühen Morgen stellte man fest, daß vom oberen Sittard bis zum Ortskern fast jedes zweite Haus frontal mehr oder weniger beschädigt ist und viele im Innern völlig zerstört sind.

Am Nachmittag des 1. März stand das Gesellenhaus (heute Seerosensaal) mit großem und kleinem Saal in Flammen. Mit dem Einmarsch der Amerikaner in der Nacht vom 29. Februar auf den 1. März 1945 ging in Lobberich der Krieg zu Ende. Die von den Alliierten verhängte Ausgangssperre verhinderte jedes Bemühen um die Wiederherstellung des Geschäftsbetriebes der Sparkasse. Es folgte eine Zeit der Ausgangsbeschränkungen, die nach Anfang April aufgehoben wurden. Die Sparkasse Lobberich erhielt zunächst einen Raum im früheren Arbeitsamt, dann in der Wohnung des Bürgermeisters Marx für die Abwicklung des Kundengeschäftes zur Verfügung gestellt. Das eigentliche Sparkassengebäude, durch die Explosion der V-1 ebenfalls stark beschädigt, konnte erst im Juli 1945 nach notdürftiger Instandsetzung wieder bezogen werden. Ein großer Teil der Bevölkerung, etwa 2.000 Personen, die nach Thüringen bzw. zum Sauerland und Sudetenland evakuiert waren, kam nach dem Zusammenbruch wieder zurück. Ende 1945 waren etwa 90 % der Evakuierten wieder in Lobberich. Der größte Teil der Lobbericher Industrie, die mit viel Mühe und unter großen Schwierigkeiten ihre Betriebe wieder notdürftig in Gang gebracht hatten, wurde zum Jahresende durch die von den Alliierten verfügten Einschränkungen hart getroffen; teilweise mussten die Betriebe wieder stillgelegt werden.

Von einer planmäßigen Entwicklung des Sparkassenbetriebes konnte in den Kriegsjahren kaum gesprochen werden. Allein die Tatsache, daß der Gesamtumsatz im Geschäftsjahr 1945 von 34 Mio RM auf 19 Mio RM fiel, läßt erkennen, mit welchen außergewöhnlichen Verhältnissen im Jahre 1945 der "Notbetrieb" aufrechterhalten werden mußte. Hinzu kam noch, dass die Lobbericher in den ersten Monaten des Jahres 1945 mit einer allgemeinen Evakuierung rechneten. Dies hatte zur Folge, daß sehr große Spareinlagen-Einzahlungen, aber auch Umbuchungen, vorgenommen wurden, um die Möglichkeiten des "Freizügigen Sparverkehrs" zu nutzen. Ende 1945 machten die Spareinlagen 8.816 Mio RM (84,7 % der Bilanzsumme) aus. Infolge des schon beschriebenen Fehlens anderer Anlagemöglichkeiten fanden die Zuflüsse an Einlagen restlos Anlage bei der Rheinischen Girozentrale in Düsseldorf. Allein 5.189 RM = 50 % der Bilanzsumme waren dort angelegt.

Zu den Normalisierungsmaßnahmen in der britischen Besatzungszone gehört neben der Wiederzulassung des unbeschränkten Postverkehrs und der Ankündigung, daß für Privatpersonen im bevorstehenden Winter keine Kohle zur Verfügung steht auch die "Säuberung" der öffentlichen Ämter von Personen, die dem NS-Regime nahestanden. Darunter fiel auch Bürgermeister Leo Marx, der zunächst suspendiert, später dann pensioniert wurde. In der Zeit vom 16.7. - 31.8.1945 leitete der Amtsoberinspektor Paul Brocher die Geschicke der Gemeinde Lobberich. Am 1. September 1945 wurde dann der Amtsbürgermeister Dr. Carl Smeets in sein Amt eingeführt. Damit erhielt die Sparkasse wieder einen Vorstandsvorsitzenden. Aufgrund der Verordnung des Oberpräsidenten der Nord-Rheinprovinz vom 17.9.1945 - Abtlg. Finanzen II/2 b und II/6 c aus 1945 - nahm der Vorstandsvorsitzende gemeinsam mit dem Sparkassenleiter (seit 1941 Bernhard Kuhnert) die Aufgaben des Sparkassenvorstandes war. Ebenfalls durch Erlass des Regierungspräsidenten vom 22.10.1945 erfolgte die Bestellung folgender neuer

Vorstandsmitglieder:
Arnold Josten Möbelfabrikat
Heinrich Zanders Bauer
Heinrich Uerschels Fabrikarbeiter
Zu stellvertretenden Vorstandsmitgliedern wurden ernannt:
Clemens Boetzkes Lebensmittelgroßhändler
Josef Houben Justizoberinspektor

Neben dem Sparkassenleiter Bernhard Kuhnert, der am 1.8.1945 aus der Kriegsgefangenschaft entlassen wurde, hatte sich der Angestellte Matthias Germes wieder bei der Sparkasse eingefunden. Der Angestelle Hans Tünsmann kehrte Mitte 1945 zur Sparkasse zurück. Die Angestellte Resi Utzenrath und der Lehrling Fine Stellkens kamen nach der Rückkehr aus der Evakuierung im Juli bzw. August 1945 wieder zur Sparkasse. Die Mitarbeiter Heinz Trittermann, Hans Strucken und Johannes Terporten waren Ende 1945 noch in russischer Kriegsgefangenschaft. Der stellvertretende Sparkassenleiter Heinrich Götte war bis Ende 1945 von der Militärregierung noch nicht wieder zum Dienst zugelassen. Heinrich Götte übernahm später die Leitung der hiesigen Spar- und Darlehnskasse.