Manfred Albersmann

 Der Turnverein Lobberich 1861 e.V. - eine Chronik

  • 1861 - 1886 - Die Gründerjahre
  • 1887 - 1911 - Ein Neubeginn mit anderen Vorzeichen
  • 1912 - 1932 - Trotz Kriegswirren - Weiterentwicklung
  • 1933 - 1945 - Die Politisierung des Sports
  • 1945 - 1961 - Ein neuer Aufbau beginnt
  • 1962 - 1987 - Der Turnverein auf dem Weg zum Breitensport
  • 1987 - 2011 - Die Entwicklung zum Sportdienstleister
  • 2011 -

 

Quellen- und Literaturhinweise
Eisernes Buch der Gemeinde Lobberich (1929)
Zeitung "Rhein und Maas" (1880 ff., Archiv des Kreises Viersen)
Protokollbücher des Turnvereins Lobberich
Kreisarchiv Kempen
F.L. Jahn, die Deutsche Turnkunst (1816)
H. Neumann, Deutsche Turnfeste, Spiegelbild der deutschen Turnbewegung, 2. Auflage, Limpert, Wiesbaden (1987)
Th. Optendrenk, Lobberich im Aufbruch (1993)
A. Schmidt, Leibesübungen als Gesundheitsschutz (Leipzig 1922)
M. Zanders, 1000 Jahre Lobberich (1988)
Ausstellungskatalog Archiv der Stadt Stuttgart, Zur Geschichte der deutschen Turnbewegung (1973)
Friedrich Ludwig Jahn – sein Leben und Wirken. Krabbe, Stuttgart 1889
Heimatbücher des Kreises Viersen
K. Kanis, Von Bismarck zur Weltpolitik, Deutsche Außenpolitik 1890 -1902, Berlin 1997
Bilder / Fotos (soweit sie nicht im Besitz des Autors sind) sind mit ausdrücklicher Genehmigung des Vorstandes des TV Lobberich aus den verschiedenen
Festzeitschriften zur Veröffentlichung auf dieser Website entnommen

 

Aus den Anfängen der Turngeschichte
- keine Stadt, kaum ein Dorf ohne Turnverein -

Der Verein ist die Keimzelle der deutschen Turn- und Sportbewegung. Bestaunt und bespottet bilden die Vereine in Deutschland eine unübersehbare Landschaft. Sie leisten einen unschätzbaren Wert für das Wohlbefinden und den sozialen Zusammenhalt der Bevölkerung, um ihre Verdienste einmal auf den einfachsten Nenner zu bringen. Schließlich handelt es sich um freiwillige Zusammenschlüsse, um Gesinnungs- und Interessengemeinschaften, die sich selbst verwalten und bestimmen. Ohne den Verein geht nichts. Die gewaltige Turn- und Sportbewegung mit ihren nahezu 20 Millionen organisierten Mitgliedern ist ohne Verein nicht denkbar. Daran ändern auch kommerzielle und kommunale Angebote nichts“. (Der Deutsche Turnerbund, Schriftenreihe des Deutschen Turnerbundes, Heft, 1950)

Der Deutsche Turnerbund weiß die ältesten und zugleich die modernsten Vereine in seinen Reihen. Wie ein Netz überzieht die Vereinslandschaft die Bundesrepublik Deutschland. Keine Stadt, kaum ein Dorf ohne einen Turnverein, der oft als einziger Verein zu den wichtigen Kommunikationsmöglichkeiten zählt, der als der Motor für die geselligen und gesundheitlichen Aspekte vor Ort gilt. Kein Verband verfügt über so starke geschichtliche Wurzeln, schaut auf eine mitunter irritierende Vergangenheit zurück, weiß sich permanent von Tradition umgeben und präsentiert sich zugleich so gegenwartsbezogen, so offen für alle aktuellen Entwicklungen wie der DTB.

Traditionen können eine große Stütze sein, aber auch als Belastung empfunden werden. Die hohen pädagogischen Ziele und die schrillen nationalen Töne haben der Turnbewegung nicht nur in den Anfängen ihrer Geschichte viele Freunde, aber auch viele Feinde eingebracht.

                               
                                                    Turnvater Jahn

Schon bei der Gründung der ersten Turnvereine (den Sportverein gab es damals noch nicht) wurde die gesellschaftspolitische Bedeutung dieser neuen Art von Vereinigungen erkannt. Die Obrigkeit wurde wach und beobachtete diese Bürgerbewegung sehr genau. Wäre in den Turnvereinen nur geturnt worden, hätte sich das gesellschaftspolitische Problem einfacher gestellt. Aber die Turner hatten ja auch ein politisches Ziel: mehr Bürgerfreiheit und ein einiges Deutschland!                          
                             

Das jahnsche Turnen war von seinen Anfängen an politisch akzentuiert und motiviert; politisch im ursprünglichen Sinne als Erziehungsarbeit für die Bürgergemeinde und den Staat. Friedrich Ludwig Jahn (1778 – 1852) gehörte auch zu dem erweiterten Kreis der preußischen Reformer, deren Ziel nach Freiherr vom Stein (1757-1831) „die Belebung des Gemeingeistes und des Bürgersinnes“ war. Beeinflusst vom Gedanken der Französischen Revolution (1789 – 1799) propagierte er eine nationale Erziehung, um mündige Staatsbürger heranzubilden, forderte die Abschaffung von Adelsprivilegien, den Aufbau eines Volksheeres anstelle eines Söldnerheeres und die Beseitigung von Knechtschaft und Unterdrückung jeglicher Art.

Wenn Jahn mit seinen Turnern auf der Berliner Hasenheide (1811 erfolgte hier die Errichtung des ersten Turnplatzes in

                            
                                 Turnplatz Hasenheide, Berlin

Deutschland) körperliche Ertüchtigung betrieb, so war sein Erziehungsziel nicht allein darauf beschränkt. Denn neben einer aus der Not der Zeit geborenen paramilitärischen Ausbildung sollte Turnen der Charakterbildung dienen, sollte es „die verloren gegangene Gleichmäßigkeit menschlicher Bildung wiederherstellen, der bloß einseitigen Vergeistigung die wahre Leibhaftigkeit zuordnen, der Überfeinerung in der wiedergewonnenen Männlichkeit das notwendige Gegengewicht geben und in jugendlichem Zusammenleben den ganzen Menschen erfassen und ergreifen“ – Erziehungsgrundsätze, wie sie ähnlich der Pädagoge Johann Friedrich Christof GutsMuths (1759 – 1831), Begründer des Schulturnens oder Gerhard Ulrich Anton Vieth (1763 – 1836), Verfasser der „Encyklopädie der Leibesübungen“, schon vor ihm formuliert hatten.

                 
                        Johann Friedrich Christof GutsMuths

Kommt man auch nicht umhin, Jahns Turnen in den Anfängen als bewusste Wehrertüchtigung zu werten, so ist damit keineswegs die ganze Breite jahnschen Turnens erfasst. Da sein „vaterländisches Turnen“ die wichtigste Ausformung seiner Volkstumsidee war, gehörten Wanderungen durch deutsche Gaue, Feste und Feiern zur Erinnerung an bedeutsame Ereignisse, die von ihm geschaffene Turnsprache sowie die Pflege des deutschen Brauchtums und die Einführung der turnerischen Gleichtracht zu den Geschichtsbewusstsein und Patriotismus weckenden Kräften und Maßnahmen. Hinzu kam, dass – wie Jahn den Turnbetrieb charakterisierte – „Leibesübungen von Knaben und Jünglingen frei öffentlich und vor jedermanns Augen getrieben“ wurden.

Die Öffentlichkeit des Turnens wurde tatsächlich zu einer entscheidenden Antriebskraft für die territoriale Verbreitung der Turnbewegung, die ab 1813 begann und dann nach den Befreiungskriegen, an denen Jahn und zahlreiche Turner teilnahmen, stark zunahm.

Als nach den Befreiungskriegen die staatliche Neuordnung Europas und vor allem Deutschlands weit hinter den hohen Erwartungen der jungen Patrioten zurückblieb, wurden die von der Staatsmacht eingeschränkten Freiheitsrechte am nachdrücklichsten von der akademischen Jugend – der Burschenschaft – einer aus patriotischem Geist und auf Anregung u.a. Jahns gegründeten Studentenorganisation – verfochten.

Die Verbindung zwischen Turnen und Burschenschaft – beides von Jahn initiiert, war so eng, dass bald der Name „Burschenturner“ geprägt war. Der „Bursche“ war verpflichtet, „seinen Körper zum Dienst des Vaterlandes gehörig auszubilden“. Das Turnen erhielt durch Aktivitäten der Professoren und Studentenschaften an vielen Universitäten starken Auftrieb. Doch immer mehr kam es zu einer wachsenden Politisierung und Radikalisierung des Turnens. Angefangen mit der „Breslauer Turnfehde(1819) bis hin zur Sperrung des Breslauer Turnplatzes. Mit den „Karlsbader Beschlüssenim Jahre 1819 (Verbot der öffentlichen Meinungsfreiheit und der Burschenschaften, Überwachung der Universitäten, Zensur der Presse, Entlassung und Berufsverbot für liberale Professoren) kam es letztlich zur Turnsperre (von 1820 – 1842) bei der es aufgrund einer königlichen Kabinettsorder zur Schließung von über 100 Turnplätzen und Turnanstalten in Preußen kam. Darüber hinaus wurden hunderte von Studenten verhaftet.

Zu denen, die als „Demagogen“ verhaftet wurden, gehörte auch Friedrich Ludwig Jahn, der angeklagt und lange Jahre unter Hausarrest gestellt wurde. Das jahnsche Turnen wurde damit in Preußen und in den meisten deutschen Staaten für lange Zeit verboten. Erst als der preußische König Friedrich Wilhelm IV. in seiner Kabinettsorder vom 6. Juni 1842 Leibesübungen als einen „notwendigen und unentbehrlichen Bestandteil der männlichen Erziehung“ förmlich anerkannte und bestimmte, sie in den Kreis der Volkserziehungsmittel aufzunehmen, da wurde die „Turnsperre“ in Preußen und bald auch in den anderen deutschen Staaten wieder aufgehoben. Die Turnbewegung erlebte nunmehr innerhalb weniger Jahre einen bedeutsamen Aufschwung und wurde zu einer politischen Bewegung, in der sich die fortschrittlichen Kräfte, die nach Einheit und Freiheit des Vaterlandes strebten, zu Aktionsgruppen in den Turnvereinen zusammenfanden.

Zu Beginn der deutschen Revolution von 1848/49, als Bürger von 39 Teilstaaten von ihren Regierungen soziale und politische Rechte, aber auch die Einheit Deutschlands forderten, lud August Schärttner (1817-1859), auch eine führende Persönlichkeit des deutschen Turnwesens und der Revolution von 1848/49 im März 1848 alle Turner nach Hanau zu einem Turntag ein. Unter Vorsitz des Esslinger Rechtsanwaltes Theodor Georgii (1826-1892) und in Anwesenheit Friedrich Ludwig Jahns wurde am 3. April 1848 der Deutsche Turnerbund gegründet. Wegen der politischen Zielsetzung – ob Republik oder Monarchie – über die auch die Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche leidenschaftlich diskutierte, entzweiten sich die Turner. Auf dem zweiten Turntag am 2./3. Juli 1848 ebenfalls in Hanau spalteten sich die Republikaner ab und gründeten einen zweiten nationalen Verband, den Demokratischen Turnerbund. Mit dem Scheitern der bürgerlichen Revolution und der Flucht vieler demokratisch gesinnter Turner in das Ausland verschwand der demokratische Turnerbund. Ein Einigungsversuch beider Verbände mit der Gründung des Allgemeinen Deutschen Turnerbundes in Eisenach im August 1849 hatte keinen Erfolg; denn während des teils gemeinsam, teils getrennt stattfindenden 2. Turntags in Eisenach im März/April 1850 beschlossen die Vertreter des DTB erneut, ihre Satzung und den Bund frei von Politik zu halten. Die Vertreter des ADTB forderten hingegen die Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit des deutschen Volkes – die Ideale der Französischen Revolution von 1789. Von den drei in den Revolutionsjahren gegründeten nationalen Turnverbänden hat nur der zuerst entstandene Deutsche Turner Bund die Revolution und die danach erfolgten Verbote politischer Vereinigungen überstanden. Da aber der geschäftsführende Vorstand des DTB, der TV Leipzig, wenig Aktivität entwickelte, wurde er auf Drängen des MTV Braunschweig durch den MTV Hannover per Briefwahl am 16. Januar 1850 abgelöst.
 

Aufgrund der sehr regen Korrespondenz mit den Mitglieds- und anderen Turnvereinen und – Regionalverbänden hat der Vorort (wie damals der geschäftsführende Vorstand bezeichnet wurde) Hannover die Position des DTB zunächst festigen können. Aber aufgrund von weiteren polizeilichen Überwachungsmaßnahmen, die u. a. zur Auflösung des Niederrheinisch – Westfälischen Bezirksverbandes (1851) und des Niedersächsischen Bezirksverbandes (1855) führten, musste der Vorort Hannover seine Tätigkeiten einschränken. Er konnte z. B. nur alle zwei Jahre einen Turntag durchführen und schlug Ende 1855 die Auflösung des DTB (provokativ) vor. Auf dem Turntag in Hannover am 6. Januar 1856 wurde der MTV Hamburg zum Vorort gewählt.

 

Die erstmals 1856 in Leipzig erschienene „Deutsche Turnzeitung“ wurde das neue Presseorgan, vorher waren dies „der Turner“ aus Dresden und das „Turnblatt aus Schwaben“. Der DTB war aber wegen der polizeilichen Repressalien immer mehr zu einem norddeutschen Regionalverband eingeengt worden, dem gerade noch 16 Vereine angehörten. Auf dem Turntag in Hamburg am 20. November 1859 wurde die Satzung überarbeitet und der MTV Stade zum Vorort gewählt. Dessen Vorsitzender nahm an den Besprechungen während des Deutschen Turn- und Jugendfestes ins Coburg vom 16. – 19. Juni 1860 teil. Er gliederte dann den DTB beim letzten Turntag, der einen Tag nach dem Deutschen Turnfest in Berlin 1861 abgehalten wurde, als norddeutschen Regionalverband in die de facto in Coburg gebildete Deutsche Turnerschaft ein.

Der „Ruf nach Sammlung“ der beiden Schwaben Th. Georgii und C. Kallenberg in der Deutschen Turnzeitung im März 1860, der zum Turn- und Jugendfest in Coburg, an dem über 1.000 Turner teilnahmen, führte, war eine Wiedervereinigung aller bereits bestehenden Turnvereine und Regionalverbände unter dem Namen Deutsche Turnerschaft. Unter anderem hieß es in dem Aufruf: „daß wie auf allen anderen Gebieten unseres Volkslebens, so auch auf dem turnerischen, die Zeit reif geworden ist, zur festlichen Bestätigung des eigenen Wollens und Strebens deutscher Nation“. Vom 16. bis 19. Juni 1860 feierte das 1. Deutsche Turn- und Jugendfest in Coburg seine Premiere. Anlässlich des Gedenktages an die Schlacht von Waterloo (18.06.1815) wurde das Turnfest unter dem Motto „Ruf zur Sammlung“ von Carl Kallenberg und Theodor Georgii ausgetragen. Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg-Gotha unterstützte das 1. Turnfest wohlwollend und empfing eine Abordnung der Turner. Aus 130 Orten traten 970 aktive Teilnehmer zu Schaudarbietungen (Riegen-, Kür- und Schauturnen) sowie Wettbewerben (Ringkampf, Dauerlaufen, Hochsprung und Turnspielen) an. Am ersten Tag zog sich der 1. Festzug („Festmarsch“) mit Fahnen der Vereine und dem Banner in Schwarz-Rot-Gold durch die Stadt zum Turnplatz. An den Hauptfesttagen (17./18.06.) wurden die Teilnehmer durch einen Weckruf (Reveille) in den Tag begrüßt und bei Festreden und Gesang zum geselligen Beisammensein und Festessen in die Festhalle eingeladen. Die Turnerschaft war von der Aufgeschlossenheit der Stadt ihnen gegenüber sehr begeistert – in 800 Häusern, Privatquartieren fanden sie Unterkunft. (DTB-Das ist Turnfest)  Das Coburger Turnfest stellte letztlich eine entscheidende Wende dar: Von 1860 an nahmen die Turnvereinsgründungen wieder rasch zu, sodass allein in den Jahren 1860 – 1862 über 1.000 Turnvereine entstanden, in denen aufs Neue die deutsche Frage diskutiert wurde. Die deutsche Turnbewegung war nun nicht mehr aufzuhalten.


Der Turnverein Lobberich 1861 e. V.
- von 1861 bis 1886 – die Gründerjahre

Lobberich in der Mitte des 19. Jahrhunderts – im Jahre 1860 ca. 3.400 Einwohner – hatte neben Kirche, Rathaus, Pfarrhaus, Vikariehaus, 2 Schulhäuser und Armenhaus (Eremitage) ca. 460 Privathäuser (davon in Lobberich selbst ca 170, der größere Rest verteilte sich auf die Honschaften Sittard, Bocholt, Flothend, Dyck, Rennekoven und Sassenfeld) und eine Apotheke. Johann Heinrich Michels hatte am Hinsbecker Weg (heutige Niedieckstraße) seine Blaufärberei gegründet. Auf manchem Bauernhof, wo bisher Flachs gesponnen wurde, begann man nun Baumwolle zu spinnen und zu spulen. Abnehmer waren u. a. die Gebrüder Felix und Victor de Ball, die ebenfalls am Hinsbecker Weg ihre Seiden- und Samtfabrik gründeten. Erster preußischer Bürgermeister wurde Johann Heinrich Kessels, Vater von elf Kindern, nicht eben arm und in durchaus verschiedenartigen Erwerbszweigen ebenso vertraut wie in den zahlreichen Sparten der Verwaltung. Von Beruf in dem kleinen Örtchen waren hauptsächlich Weber,  Ackerer, Knechte und Mägde sowie Tagelöhner anzutreffen. Vereinzelt gab es auch Müller, Schäfer, Fischer, Bäcker, Metzger, Schankwirte, Schneider, Schuster, Holzschuhmacher, Schreiner, Zimmerer, Maurer, Schmiede und Kleinhändler.

Um 1850 erfuhr Lobberichs Wirtschaft eine erhebliche Wandlung. Man kann heute kaum mehr mit Sicherheit klären, ob es einem glücklichen Zufall, guten Verbindungen der Verwaltungsspitze oder günstig erworbenen Industriegrundstücken zu danken ist, daß um diese Zeit unvorhersehbar und plötzlich die örtliche industrielle Revolution ausbrach, die das Dorf aufweckte und im Laufe der folgenden Jahrzehnte zu großer Entwicklung führte.
Zunächst gelang es dem betriebsamen Bürgermeister Kessels, die Gebrüder Felix und Victor de Ball, deren Vater Johann Ludwig in Geldern eine Samtfabrik unterhielt, nach Lobberich zu holen. Schon Ende 1845 etablierte sich am Hinsbecker Weg (spätere Bahnstraße) die Fa. J. L. de Ball & Cie., Stücksamt und Samtband, mit 400 Stühlen, wobei die Arbeitskräfte vor allem aus dem Reservoir der Heimweber kamen. Das Unternehmen ließ sich sehr erfolgreich an, auch die 1848 auftretenden Differenzen bei der Entlohnung für Stücksamt konnten im allseitigen Einvernehmen beigelegt werden. Um diese Zeit zahlte die Firma an Gewerbesteuer jährlich 19 Taler 15 Silbergroschen; die Betriebsinhaber Felix und Victor de Ball wurden mit je 12 Talern zur Klassensteuer veranlagt. Um 1849 wurde der Kaufmann Hermann Reifenstuhl in die Firma aufgenommen, der mit Felix de Ball einen Zweigbetrieb in Leipzig aufbaute. Als die Gebrüder Niedieck unweit der Seen am Weg nach Breyell ihre große Fabrik bauten, begann die Bebauung der Breyeller Straße und des ausgesprochenen Arbeiterwohngebietes zwischen der heutigen Düsseldorfer und Flothender Straße. Vor 1850 war am letzten Haus der unteren Hochstraße Ende der Bebauung. Eine Brücke führte über den Ludbach. Durch Heide und über einen Feldweg kam man zur Eremitage. Der Weg nach Dyck führte durch hohen Buchenwald. Der im Ort gelegene Teil der Süchtelner Straße endete um 1850 noch beim früheren Möbelhaus Josten (heute: Sanitätshaus Janßen). Die nach 1860 begonnene Verlängerung der Süchtelner Straße, die durch das zweite Werk von Niedieck an der rechten Straßenseite vorangetrieben wurde, hieß ursprünglich „Sittarder Leichenweg“. Im Ortsbereich der Süchtelner Straße lagen die Postwagenstelle und der Pferdestall des Postwagenfahrers. In unmittelbarer Nachbarschaft wurde das frühere Amtsgericht gebaut. Das dem Ortskern zugehörige Stück der alten Kempener Straße hieß „Alt-Kevelaer“. Hier lagen an der linken Seite Gaststätte und Bauernhof Doerkes (später Doerkesstift, wonach heute der dahinter liegende Platz benannt ist). Bis1865/70 trafen außerhalb des bebauten Ortskerns am Stern vor den neuen katholischen Kirche Feldwege zusammen, die heute ausgebaute Straße sind: An St. Sebastian, Wevelinghover Straße, Niedieckstraße, Steegerstraße, Hochstraße. Alle diese Straßen mündeten als Hohlwege in den Platz. Die Wevelinghover Straße (früher Venloer Straße) war vor 1870 Hauptverbindung nach Hinsbeck. Die heutige Niedieckstraße war ein Weg, der zum Oirlich führte, aber hinter dem Werk von de Ball (früher Niedieck) einen Abzweiger nach Hinsbeck hatte. Die nach 1870 ausgebaute Steegerstraße verband seit alters her Bocholt und Sassenfeld.

Im Oktober 1861 kam es aus wirtschaftlichen Gründen zum Verkauf der Firma de Ball an den Schwager und bisherigen Mitarbeiter Hermann van der Upwich aus Nunspeet/Holland (1835-1922), der 1851 als Lehrling in die Firma eingetreten war und nun zusammen mit Hermann Reifenstuhl den Betrieb zu weltweiter Bedeutung führte unter der Firmung: J. L. de Ball & Cie. Nachfolger, Seide- und Samtbandfabrik. Felix und Victor de Ball wurden als Partner beteiligt.

Der „Ruf zur Sammlung“ von Georgii und Kallenberg von März 1860 wird wohl, wie überall in den deutschen Landen, der Anstoß zur Gründung unseres Vereines gewesen sein. Jedenfalls trafen sich die Gründungsmitglieder Arnold von den Driesch, Wilhelm Deutges, Wilhelm Schuren, Julius Brües, Mathias Weyer, Heinrich Brahseler, Julius Hamm, Peter Heinrich Rollbrocker, Wilhelm Hohnroth, Philibert Istas, Martin Hamacher, Conrad Klumpen, Clemens Tillenberg, Lambert Antwerpen, Heinrich Jelihsen, Peter Paul Schmitz und Johann Hoeren am 2. September 1861 abends um 8 Uhr beim Wirten Peter Heinrich Rollbrocker (früheres Doerkesstift, Kempener Straße) um Nachstehendes zu beschließen:

                
                          Auszug aus dem Protokollbuch des TV Lobberich 1861 e.V.

  „Heute, den 2. September 1861 sind die Unterzeichneten zusammengetreten, um nach dem Vorbilde anderer Städte Deutschlands einen Turnverein zu gründen.

Lobberich, den 2. September 1861“                              

In der 1. Generalversammlung wurde zunächst das Haus von Peter Heinrich Rollbrocker als Vereinslokal bestimmt. Hierauf schritten die Anwesenden zu Wahl eines provisorischen Turnrates (Vorstand). 1. Präsident wurde Clemens Tillenberg, Geldwart Philibert Istas, Turnwart Julius Hamm, Zeugwart Wilhelm Deutges, Schriftwart Wilhelm Hohnroth und Beisitzer Martin Hamacher.